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Das waren die Filmfestspiele von Venedig 2012

Paradies: Glaube

Zumindest die Gebete eines Regisseurs wurden schon Tage vor der Preisverleihung in Venedig erhört. Die Blasphemie-Anzeige, die eine Vereinigung von italienischen Rechtgläubigen gegen den österreichischen Filmemacher Ulrich Seidl und die Festivalleitung von Venedig einbrachte, schenkte seinem Film „Paradies: Glaube“ (Szenenfoto oben) jenes Maß an Extraaufmerksamkeit, um das alle Produktionen hier ringen. Italien ist ein fruchtbarer Resonanzboden für Seidls Porträt einer wahnhaft religiösen Frau aus der Wiener Vorstadt, deren neurotischer Katholizismus sie immer weiter von den Barmherzigkeitsideen entfernt, die sie selbst auf ihren Missionsausflügen predigt. Ein unnötiges Fundamentalisten-Geschenk für die schonungslose Performance der – ebenfalls angezeigten – Hauptdarstellerin Maria Hofstätter, die auf ihren Knien so schmerzhaft durchs sterile Eigenheim robbt oder den lieben Herrn Jesus mit ins Bett nimmt.
Das Konzept des neuen Festivaldirektors Alberto Barbera, der in seinem Wettbewerbs­programm Filme über Scientologen, episkopale und erzkatholische Christen, ultraorthodoxe Juden, koreanische Märtyrer und französische Post-68er-Linksradikale aufeinanderprallen ließ, erzeugte in der Fülle immer interessantere Effekte, auch wenn die Filme im einzelnen manchmal so selbstgenügsam blieben wie „To The Wonder“ von Terrence Malick. Seinen zuletzt mit größerem Erfolg in „Tree of Life“ praktizierten Signature Style dehnte Malick mit selbstparodistischem Elan auf eine flache, US-französische Liebesgeschichte aus und entfaltete einmal mehr raunend seine Glaubensüberzeugungen. Symptomatisch wie sich daneben auch die ultra-orthodoxe Filmemacherin Rama Bursthein in „Lemale Et Ha’Chalal“ selbstbewusst damit begnügte, die kleinen Nöte einer jungen Frau aus der Orthodoxen-Community von Tel Aviv auszubreiten, die sich in die arrangierte Ehe mit dem Mann ihrer verstorbenen Schwester fügen muss. Der Konflikt erweist sich als gelöst, als die Heldin die Wünsche der Familie als ihre eigenen akzeptiert hat, einen Blick ins Außerhalb dieses Moraluniversums erlaubt die Regisseurin nie.
PietaIm besten Fall jedoch, wie in Paul Thomas Andersons betörend elegant inszeniertem „The Master“, lag schon in den Figurenkonstellationen so viel Energie und Widersprüchlichkeit, dass davon der ganze Film spannungsreich angetrieben wurde. Andersons Doppel-Porträt eines (deutlich an den Scientology-Gründer L. Ron Hubbard angelehnten) Sektengründers und eines US-Kriegsveteranen mit gewalttätiger Borderline-Persönlichkeit (Joaquin Phoenix), der als Versuchskaninchen und Vertrauter in den Kreis der Jünger aufgenommen wird, ist so unberechenbar wie der ganze Verlauf des traum­artigen Films.
Den Spielen dieses selbsternannten Religionsgründers setzte wenige Tage später der Koreaner Kim Ki-duk seine Heiligenbilder in höllischer Umgebung entgegen. Nach seinem privaten Director’s-Block-Essay „Arirang“ und der katholisierten Fingerübung „Amen“ (beide 2011) beantwortete Kim seine eigene Schaffenskrise mit einer blutigen Parabel auf die kollabierende Finanzwirtschaft („Pieta“). Nicht leicht, in seinen Zeichenspielen mit der christlicher Ikonographie den Überblick zu behalten.
Religion und Politik überkreuzten sich unaufhörlich in den Filmen des Festivals. Marco Bellocchios „Bella Addormentata“ konterte die italienischen Diskussionen über Sterbehilfe mit einem ätzenden Blick in die korrumpierte Welt der römischen Senatoren; Brillante Mendoza führte in „Sinapupunan“ sensibel in den Alltag einer muslimischen Inselwelt, in der er das Melodram einer kinderlosen Ehefrau entfaltete, die eine fruchtbare Zweitfrau für ihren Mann sucht; Olivier Assayas‘ atmosphärisch dichter Ensemblefilm „Aprиs Mai“ folgte Jugendlichen aus seiner eigenen Generation, die einen Weg zwischen politischem Engagement und künstlerischer Selbstverwirklichung suchen.
Spring BreakersDie schlichte Auflösung aller Utopien konnte man schließlich in Harmony Korines „Spring Breakers“ betrachten, doch im chaotischen Aufeinandertreffen seiner Zeichenwelten steckte auch ein Überschuss, den keiner der am Film Beteiligten, vom Regisseur abwärts, ganz kontrollieren konnte. Für die Teen-Megastars Vanessa Hudgens und Selena Gomez ist „Spring Breakers“ ein kalkulierter Bruch mit ihren familientauglichen Images, die sie in Disney-Produktionen wie „High School Musical“ oder „Another Cinderella Story“ etabliert haben. Korine schickt sie mit zwei weiteren Freundinnen in knappen Bikinis ins hypersexualisierte Universum der Komasauf- und Sexorgien der Spring-Break-Parties in Florida, aber zeigt dabei auch, wie die Begriffe von Macht und Ohnmacht, Souveränität und Unsouveränität in diesem Universum der Entgrenzung durcheinander geraten können. „Spring Breakers“ ist komödiantische Feier des Exploitation-Kinos und ironische, selbstausbeuterische Zelebrierung einer absurden Idee von weiblichem Empowerment, der die Mädchen an der Seite eines goldbezahnten Gangsta-Rappers (James Franco) folgen. Auf dessen aufgeblähtes Selbstbewusstsein („Ich bin der Todesstern!“) antworten die kichernden Frauen damit, dass sie ihm seine phallischen Pistolen zur Fellatio in den Mund stecken. Die Generation seiner Heldinnen verteidigte Korine bei der Pressekonferenz mit einer beweglichen Metapher, die in deren ziellosem Hedonismus einen eigenen Reichtum entdeckten wollte: „Sie sind TV-Babies, sie sind mit Videos und Computerspielen aufgewachsen, bei ihnen ist der Schritt vom Zusehen zum Machen vielleicht oft sehr klein. Aber sie haben eine Seele! Sie haben: The soul of morph!“ Wandel in allem. Auch das kann Transzendenz sein.

Text: Robert Weixlbaumer

Fotos: Quelle labiennale.org

Die Preisträger in der Übersicht

Goldener Löwe für den besten Film: „Pieta“ von Kim Ki-duk

Spezialpreis der Jury: „Paradies: Glaube“ von Ulrich Seidl

Silberner Löwe für die beste Regie: Paul Thomas Anderson („The Master“)

Bestes Drehbuch: Olivier Assayas („Aprиs Mai“)

Beste männliche Darsteller: Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix („The Master“)

Beste weibliche Darstellerin: Hadas Yaron („Lemale Et Ha’Chalal – Fill The Void“)

Preis der Interna­tionalen Filmkritik (Fipresci): „The Master“ von Paul Thomas Anderson

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