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Das waren die Filmfestspiele von Venedig

The Ides Of March

In einer Säulenhalle im weitläufigen Arsenale-Gebäude der Kunstbiennale tickt jeden Tag aufs neue „The Clock“ auf der großen Leinwand. Christian Marclay hat dafür tausende Clips aus Spielfilmen zusammenmontiert, in denen eine explizite Zeitangabe erscheint – eine beiläufige Aufnahme eines Ziffernblattes kann das ebenso sein wie eine sprachliche Bezugnahme im Film. 24 Stunden dauert sein Werk, in dem sich die Ausschnitte exakt synchron zur realen Ortszeit zu Spannungskurven verbinden, sich kommentieren, dementieren, verstärken und aufheben. Wenn um 18 Uhr die Biennale-Ausstellung im Arsenale schließt, sind die Besucher von „The Clock“ jeden Tag die letzten, die gehen. Marclays Frage – „When you walk away … is it still with you? Is it still spending time with you?“ – beantwortet jeder von ihnen sich selbst.
Dass mit „The Clock“ schon vor Wochen von Beginn der Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica ein Film mit einem Goldenen Löwen (der Kunstbiennale) ausgezeichnet worden war, hatte Biennale-Chef Paolo Baratta an der Seite des ewig lächelnden Filmfestivaldirektors Marco Müller schon am Eröffnungstag der Filmfestspiele betont, in einer Pressekonferenz, die unter absurden Umständen Normalität simulierte. Vor dem Festivalzentrum gähnt die sehr unglamouröse Baugrube, die sich seit dem Fund von illegal vergrabenem Asbestmüll vor ein paar Jahren einfach nicht mehr füllen will. Das dringend anstehende Erneuerungsprojekt der Mostra ist damit zum Halten gekommen. Jetzt dreht die Biennale die Uhr wieder zurück, setzt auf Renovierung der alten Kinos und auf Verdrängung, die in Barattas Satz: „Das Loch sieht vielleicht größer aus, als es ist“, ein passendes Gefäß fand.
A Dangerous MethodVielleicht kein Zufall, dass Marco Müller als Eröffnungsfilm des Wettbewerbs ein Lehrstück darüber auswählte, wie man in unüberschaubaren Situationen immer wieder eine Lage herstellt, in der man selbst nur noch gewinnen kann. „The Ides of March“ (Szenenbild oben) von und mit George Clooney erzählt auf den ersten Blick vom Ausverkauf der Ideale, der auf dem Weg ins Weiße Haus jeden Kandidaten erwartet. Es ist eine kleine, dunkle Lektion in Realpolitik, die sich aber bald tief auf das private Drama eines allzu ehrgeizigen und immer zu schnell handelnden Wahlkampfmanagers (Ryan Gosling) einlässt, der schließlich den ganzen Film an sich reißt. Beginnend mit diesen Manipulationsspielen versammelte der Wettbewerb einen dichten Strang von Psychodramen aller Art. Yasmina Rezas Theaterstück „Der Gott des Gemetzels“ wählte Roman Polanski als Grundlage für seine bittere Komödie „Carnage“: Zwei New Yorker Elternpaare (Kate Winslet & Christoph Waltz vs. John C. Reilly & Jodie Foster) treffen sich, um einen vorangegangenen Streit zwischen ihren beiden elfjährigen Söhnen zu befrieden, aber bald bahnen sich ihre Aggressionen einen eigenen Weg, und all ihr Verhalten und Reden entlarvt sich als Bigotterie. Eine zwiespältige Angelegenheit: Vor dem Hintergrund des monatelangen Streits um Polanskis Auslieferung an die US-Behörden wegen seines unabgeschlossenen Vergewaltigungsprozesses, wirkt die Generaldenunziation der bürgerlichen Moraldiskurse in „Carnage“ durchaus zynisch – wie eine Verschiebung von Schuld, die alles in den Blick nimmt, außer sich selbst.
Komplex wurden solche Verschiebungen in David Cronenbergs „A Dangerous Method“ (Szenenbild links) verhandelt, der ins Seelenleben dreier Figuren blickt, die zu wesentlichen Protagonisten in der Ausformung der psychoanalytischen Theorie wurden. Sigmund Freud (Viggo Mortensen), C.G. Jung (Michael Fassbender) und dessen Patientin Sabina Spielrein (Keira Knightley) bilden ein komplexes Dreieck, das Cronenberg einer Analyse unterzieht und dabei seine Figuren immer reicher und ihr Handeln – auch wenn es irregeleitet, falsch oder neurotisch sein mag – in ihrem eigenen Horizont verständlich macht.

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