Filmerbe

Das wird mal fällig: ein Archivkino

Rainer Rother, Direktor der Deutschen Kinemathek und Sektionsleiter der Berlinale-Retrospektive, über den schwierigen Umgang mit dem deutschen Filmerbe

Rainer Rother
Foto: David von Becker

Deutschland ist das Land mit der komplizierten Geschichte. Das sieht man auch seinem filmischen Erbe an. Mit der Veranstaltung Film ReStored vom 22. bis 25. September gibt die Deutsche Kinemathek nun Einblick in die aktuelle Arbeit und zeigt Beispiele für die Digitalisierungsbemühungen. Der tip sprach mit dem Direktor Rainer Rother über Filme zwischen Zelluloid und DCP. Rainer Rother, 60, ist seit 2006 Chef der Deutschen Kinemathek.

tip Herr Rother, Deutschland ist berühmt für seine föderalen Strukturen, die manches unübersichtlich ­machen. Wer ist denn eigentlich für das filmische Erbe zuständig?
Rainer Rother Da ist der Kinematheksverbund zuständig, das ist ein Zusammenschluss von drei Institutionen: Bundesarchiv Filmarchiv, Deutsches Filminstitut (DFI) und Deutsche Kinemathek. Seit 1976 regelt die wesentlichen Dinge ein Vertrag. Einige ­Institutionen, darunter die Film­museen in München, Potsdam und Düsseldorf, das Hamburgische Zentrum für ­Filmforschung oder das Haus des Doku­mentarfilms, gehören ihm als kooptierte Mitglieder an. Zwei Institutionen, die als Rechteinhaber besondere Stellung haben, sind Gäste: die DEFA- und die Murnau-Stiftung. Der Kinematheksverbund hat den Auftrag, in Koopertion etwas, was es in Deutschland nicht gibt, zu realisieren: eine zentrale Filmerbeinstitution.

tip
Das ReStored-Wochenende wird dem Publi­kum viele dieser Zusammenhänge in ­Erinnerung rufen. Was gibt es konkret zu erwarten?
Rainer Rother Die Veranstaltung hat drei Bestandteile: die Vergabe des Kinopreises an herausragende Kommunale Kinos. Das dient vor allem dem Zweck, die Institutionen zu stärken, mit denen wir zusammenarbeiten. Zweitens zeigen wir mit dem Festival ReStored zum ersten Mal Filme, die durch die Digitalisierung wieder zugänglich gemacht wurden. Und wir reflektieren drittens das, was die Digitalisierung für die Bewahrung des filmischen Erbes bedeutet – mit einer internationalen Konferenz.

tip Sehen wir uns die Sache an, die das Publikum am meisten interessieren wird: die Filme. Gibt es aus dem Programm einen, der besonders kompliziert wiederherzustellen war?
Rainer Rother Für mich war wichtig, dass wir ein möglichst breites Spektrum aufmachen. Das Filmerbe besteht nicht nur aus Meisterwerken, es muss die ganze Breite der Filmgeschichte enthalten sein. Insofern ist „Uliisses“ von Werner Nekes, ein Experimentalfilm auf Spielfilmlänge, schon etwas Besonderes. Das war auch eine Herausforderung in der Restaurierung, da musste man Energie und Leidenschaft reinpacken. Eine Entdeckung ist sicher auch „Das Luftschiff“ von Rainer Simon, ein DEFA-Film mit vielen tollen Ideen.

tip Ist die Restaurierung bei Filmen aus den 70er- und 80er-Jahren manchmal sogar schwieriger als bei älteren Titeln? Weil das Material damals kurzlebiger war?
Rainer Rother Landläufig geht man davon aus: Je älter der Film, desto schwieriger die Bewahrung. Das stimmt aber nicht immer. Manche klassische Verfahren der Filmindustrie wie Technicolor haben einen technisch längeren Bestand als Verfahren aus der neueren Zeit.

tip Was ist denn der hetige Stand bei Film­material?
Rainer Rother Polyester ist ein neues Trägermaterial, das hält angeblich 500 Jahre. Das ist wirklich ziemlich robust, das reißt auch kaum mehr. Und es gibt bei diesem Träger kein „Essig-Syndrom“ mehr, das ist ein immer noch nicht vollständig durchschauter Prozess, bei dem das Material angegriffen wird.

tip Man weiß wohl gar nicht, wo man anfangen soll mit dem Digitalisieren und Sichern.
Rainer Rother Prinzipiell ist die Sicherung  immer material­typisch. Analoges Material wird auch analog gesichert. Der Erhalt des Originalmaterials ist unabdingbar. Die Filmerbe-Institutionen allgemein müssen aber entscheiden: Sie ­können nicht mit dem gleichen Geld sowohl analog bewahren als auch digital zugänglich machen. Für die Digitalisierung fordern wir deswegen ein zusätzliches Budget. Für die analogen Prozesse streben wir nach europä­ischen Lösungen, weil es für eine einzelne Institution kaum mehr sinnvoll ist, eine ­ganze Kopierstraße bereitzuhalten.

tip Ein bisschen wie bei Airbus: Eine Flugzeugindustrie macht auch nur Sinn auf europäischer Ebene. Immerhin gibt es bei den digitalisierten Dateien die Probleme nicht mehr, dass mitunter ganze Formate irgendwann nicht mehr kompatibel waren.
Rainer Rother Für mich ist die große Erleichterung, dass wir nicht allein sind. Die ganze Industrie, die ­ganze Welt braucht Sicherheit bei der Migration von Daten. Aber wenn alles in einer Cloud liegt, ist das für Archivare schon eine Herausforderung. Denn es ist nicht mehr dinglich.

tip Nagt es manchmal an Ihnen, dass Sie kein eigenes Kino haben?
Rainer Rother Ich wünsche mir natürlich schon, dass wir irgendwann nicht mehr die weltweit einzige Kinemathek ohne Kino sind. Manche Kollegen erinnern sich noch an die Camera, das ­„Archivfilmtheater“ in der DDR. Ich denke, das wird mal fällig: ein Archivkino.

tip Arsenal und Zeughauskino machen ein hervorragendes Programm, sind aber ­keine Kinematheken im strengen Sinn. Die wären wahrscheinlich nicht glücklich.
Rainer Rother Das Profil des Arsenals hat sich sehr weiterentwickelt. Das Zeughauskino hat auch ein gutes, vielfältiges Programm. Aber Konkur­renz belebt das Geschäft. Es gibt viel Raum, ohne dass man den anderen etwas wegnimmt.

Film ReStored
Mit den Filmarchiven ist es wie mit so vielen anderen Dingen auch: Sie sind eine Sache für Spezialisten, aber was am Ende dabei rauskommt, das ist für alle interessant. Die Veranstaltung „Film ReStored“ erschließt sich natürlich zuerst einmal über die gezeigten Filme: sechs Beispiele aus der Arbeit der deutschen Kinematheken, darunter so interessante Entdeckungen wie „Das Luftschiff“ (1982) von Rainer Simon oder der hochoriginelle „Willi-Busch-Report“ (1979) von Niklas Schilling.
Schon die kleine Auswahl zeigt, in welche Richtung das Programm geht. Nicht nur ­kanonische Klassiker (Filme von Pabst, Käutner oder Sanders-Brahms), sondern auch echte Fundstücke. Ein hochkarätig besetzter Kongress ist dann eher etwas für die Spezialisten, aber auch da gibt es eine Menge zu erfahren. Zudem gibt es am 25.9. ein Kinderprogramm mit einem Workshop.

Kino Arsenal und Filmhaus am Potsdamer Platz 22.–25.9., www.deutsche-kinemathek.de/veranstaltungen/film-restored

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