Biopic

„David Lynch – The Art Life“ im Kino

Das dritte Leben: „David Lynch – The Art Life“ zeigt den berühmten Filmemacher als versiertes Allroundgenie

Foto: NFP

David Lynch kann man sich nicht so ­richtig als ein glückliches Kind ­vorstellen. ­Irgendwo müssen sie ja herkommen, ­diese seltsamen und verworrenen Fantasien, die sich in seinem Werk zeigen. Und doch ­versichert er in „David Lynch: The Art Life“, dass er in einer geradezu perfekten ­Familie aufwuchs, mit einer liebevollen Mutter und einem fairen Vater. Die Lynchs lebten den amerikanischen Traum mit Eigenheim und Vorgarten. Doch da war noch etwas, ­wovon sie wohl nicht so viel mitbekommen ­haben: ­David hatte Träume, „dunkle, ­fantastische Träume“. Und er hatte mehrere Leben: ­eines mit Freunden und Freundinnen, eines ­daheim, vor allem aber eines mit der Kunst.

Vor allem von diesem dritten Leben gibt es in diesem Porträtfilm einiges zu erfahren, wobei auch die anderen Aspekte nicht zu kurz kommen, denn die drei Filme­macher Jon Nguyen, Rick Barnes und Olivia Neer­gaard-Holm haben großzügig Zugang zum Archiv bekommen und konnten sich bei Home ­Movies und Fotografien bedienen. Den größten Gefallen aber hat ihnen David Lynch getan, indem er sich in ein Tonstudio gesetzt und einfach erzählt hat: das Porträt eines Künstlers als junger Mann, gesehen aus der Perspektive des reifen Alters.

Seit „Inland Empire“ (2006) hat David Lynch keinen abendfüllenden Film mehr ­gemacht, trotzdem kommt dieser Film hier ­genau zur richtigen Zeit, denn in diesem ­Sommer schauen die Fans „Twin Peaks“. Die dritte Staffel, die nach einer langen Pause wieder in die Kleinstadt im Wald (und an viele andere Orte) führt, ist reich an bizarren Einfällen und lotet vermutlich auch noch die hintersten Winkel von Lynchs Träumen aus (darunter ­sicher auch seine Größenfantasien, denn Laura Palmer, so viel darf man verraten, bekommt fast schon kosmische Dimensionen). Der Kinovisionär, der mit „Twin Peaks“ ab 1990 die stromlinienförmige Industrie des Fern­sehens an der Nase herumgeführt hat, wird in „The Art Life“ allerdings nur gestreift, denn hier geht es vor allem um den Werdegang bis zu „Eraserhead“, die gesamte restliche Filmkarriere mit Stationen wie „Blue Velvet“ oder „Wild at Heart“ wird – nicht zuletzt wohl aus lizenzrechtlichen Gründen – ausgespart.

Der eigene Platz

David Lynch wird hier tatsächlich als Künstler gezeigt, der sich in einem Haus in den Hügeln über Los Angeles seinen „eigenen Platz“ ­geschaffen hat, in dem er den ganzen Tag ­herumbasteln und -pinseln kann, wobei ihm nur seine kleine Tochter Gesellschaft leistet. Sie trägt den Namen Lula. Dieses Finden eines „eigenen Platzes“ ist das Leitmotiv der Erzählung, die Lynch mit der charakteristischen Stimme (die in „Twin Peaks“ wegen der Schwerhörigkeit der Figur, die er spielt, noch hervorgehoben wird) vorträgt. Es hatte ja eine Weile gedauert, bis er zum Film gefunden hatte. Davor hatte er viele Jahre vor allem gemalt, unter anderem im Studio von Bushnell Keeler, der zu einem wichtigen Mentor wurde und ihn einmal entscheidend auch dem Vater ­gegenüber verteidigte.

In Philadelphia fand David Lynch schließlich die angemessene Umgebung (eine schon latent postindustrielle Gegend, die man sich nur in Schwarz-Weiß vorstellen mag) für den Übergang von der Malerei zu „moving paintings“. Damit war auch der Sprung an die Westküste vorbereitet. Die biografischen ­Brüche, die sich damit verbanden, streift „The Art Life“ nur, denn bei aller intimen Anmutung dieses Porträts ist es doch in erster ­Linie ein halb offiziöses Bild, das hier entsteht, ­eines, bei dem der Künstler David Lynch nicht offiziell Regie geführt hat, bei dem er aber doch offensichtlich die Zügel in der Hand ­hatte. So wollte er, dass er gesehen wird, und das ist ja ebenfalls aufschlussreich.

David Lynch – The Art Life USA 2016, 88 Min., R: Jon Nguyen, Rick Barnes, Olivia Neergaard-Holm, Start: 31.8.

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