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David Sievenkings „David Wants to Fly“ auf der Berlinale

David Sieveking tip Herr Sieveking, seit einigen Jahren macht David Lynch weltweit Werbung für die Transzendentale Meditation (TM) nach den Lehren des Gurus Mahari­shi Mahesh Yogi. Sie haben für Ihren filmischen Selbstversuch diese Art der Meditation gelernt. Wie stehen Sie inzwischen zu David Lynch?
David Sieveking Ich halte ihn nach wie vor für einen genialen Filmemacher. Ich kann das voneinander trennen. Die Funktion als spiritueller Lehrmeister ist für mich in den Hintergrund ge­rückt. Da ist er für mich keine Instanz. Mein Film war dabei aber auch nicht als Demontage angelegt – selbst wenn es dann etwas darauf hinausgelaufen ist.

tip Ruiniert David Lynch seinen künstlerischen Ruf mit der Missionierungsarbeit für die TM-Bewegung? In den Augen vieler Kritiker hat sie sektenähnlichen Charakter und ist kaum mehr als Geldschneiderei.
Sieveking Dass er das Interesse an seinen Filmen dafür nutzt, hat viele Fans skeptisch gemacht und enttäuscht, weil sie ihn als extrem unabhängigen Kopf schätzen und nun das Gefühl haben, dass er sich von etwas einspannen lässt. Ich bin mir aber sicher, dass Lynch ein wahrer Idealist ist und sein Handeln auf dem Glauben beruht, dass man durch das Meditieren eine bessere Welt schaffen kann.

tip Sie waren auch dabei, als Lynch 2007 in der Urania den Plan vorstellte, ausgerechnet auf dem Teufelsberg eine Universität „Unbesiegbares Deutschland“ zu errichten – mit anschließender Grundsteinlegung vor Ort. Wie haben Sie diesen tumultösen Abend erlebt?
Sieveking Das war alles sehr unwirklich und wirkte fast so, als sei Lynch im Leben in seiner Filmwelt angekommen. Der „Unbesiegbarkeitsgedanke“ und die Führungsrolle der Rajas haben mich damals sehr skeptisch gemacht. Und wenn es darum geht, die Gesellschaft zu transformieren, und man dabei eine ideologisch geprägte Sprache ohne jede Sensibilität benutzt, dann ist das schon etwas erschreckend. Besonders erstaunlich fand ich, dass Lynch 100-prozentig hinter diesem System steht und voll und ganz involviert ist.

David Sievenkingtip Warum wollten Sie Ihren eigenen spirituellen Weg dokumentieren?
Sieveking
Es begann ja alles damit, dass ich den Rat von David Lynch befolgt und Meditation gelernt habe. Dementsprechend unvoreingenommen bin ich zunächst an die Sache herangegangen – mit dem Wunsch und der Überzeugung, dass man sich etwas Gutes tut. Wenn man das als Selbstversuch ernst nimmt, dann muss man auch einige Aspekte aus seinem Leben miteinbeziehen.

tip Konnten Sie denn sofort dafür Geldgeber finden? Oder waren die 2380 Euro, die sechs Blumen, die süßen Früchte und das weiße Taschentuch für den ersten Meditationskurs selbst bezahlt?
Sieveking Das habe ich noch komplett aus eigener Tasche bezahlt, weil mir anfangs niemand dafür Geld geben wollte. Die Re­dakteure und Produzenten haben mir damals gesagt: „Ist ja schön, dass du deine Selbstfindung bebildern willst, aber deine Nabelschau interessiert uns nicht. Außerdem wird es dir sowieso nicht gelingen, mit Lynch in Kontakt zu kommen oder innerhalb der Bewegung filmen zu dürfen.“ Deshalb habe ich den Etat für meinen Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernseh­akademie Berlin verheizt und bin zu diesem „Lynch Weekend“ nach Iowa
aufgebrochen. Nachdem ich dort ein Interview mit Lynch machen konnte, kam die Finanzierung ins Rollen. Bis zur ersten Schnittabnahme hatten manche der Geldgeber allerdings Angst, dass ich einen TM-Werbefilm gedreht haben könnte.

tip Was sagt denn die Organisation zu Ihrem Film?
Sieveking
Sie wollen nach wie vor gegen den Film vorgehen, wenn er nicht in ihrem Sinne ist. Nach unserer Einschätzung stehen wir juristisch in Europa aber ziemlich gut da, weil ich immer mit offenen Karten gespielt habe und es sich weitgehend um Personen öffentlichen Interesses handelt. Im Endeffekt weiß ich aber gar nicht, ob sie uns den Gefallen tun, mit einem Gerichtsverfahren noch mehr Aufmerksamkeit für
unseren Film zu erregen.

Interview: Sascha Rettig

David Wants to Fly
12.2., 17.00, CineStar 7
13.2., 17.30, Cubix 7
14.2., 15.30, Colosseum 1

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