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„The Deep Blue Sea“ im Kino

Foto: KinostarWenn ein Filmemacher in den ersten Szenen gleich alles verrät, dann ist er entweder dumm – oder er hat etwas Besonderes vor. Im Falle von „The Deep Blue Sea“ von Terence Davies kann man getrost auf die zweite Option setzen. Dass es mit Hester Collyer, einer englischen Frau um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts, kein gutes Ende nimmt, wird in diesem Prolog gleich deutlich. Doch es ist die Art und Weise, wie Davies hier erzählt, auf die es ankommt: eine Abfolge von angedeuteten Spielszenen und abstrahierten Liebesszenen, in denen jeweils die Musikbegleitung das wesentliche inhaltliche Element ist. Mit der bittersüßen Violinsonate von Samuel Barber gerät man leicht in die Nähe des Kitsches, doch für den englischen Ästheten Terence Davies ist das immer das geringste Problem gewesen. In seinen häufig autobiographisch gefärbten Filmerzählungen wie „The Long Day Closes“ hält er hartnäckig eine imaginäre Kultur hoch, die von der gegenwärtigen Popkultur weit entfernt ist, während sie für immer in den Melodien der amerikanischen Musicals gefangen scheint.

Auch in „The Deep Blue Sea“ wird auf eine herzzerreißende Weise gesungen, es ist eine Szene, in der Hester Collyer (gespielt von der wunderbaren Rachel Weisz) nicht mehr so richtig dazugehört. Ihr Geliebter, der Pilot Freddie, hat sich schon von ihr entfernt, die Scheidung von ihrem soignierten Ehemann Sir William Collyer wird ihr nichts weiter einbringen als eine verzweifelte Freiheit. Ihr anfangs spontaner und leidenschaftlicher Ausbruch aus der Enge einer in Standeskonventionen und Prüderie gefangenen Gesellschaftsschicht hat ihr nichts weiter beschert als tränenreiche Erinnerungen. Terence Davies gelangt auf Grundlage eines Theaterstücks von Terence Rattigan einmal mehr zu einem beinahe klassischen Melodram. In seinen früheren Filmen war es häufig sein junges Alter Ego, dessen Subjektivität die Ästhetik prägte. Nun erzählt er von einer Frau, in einer Form gemessener, untergründig brennender Identifikation.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Kinostar

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „The Deep Blue Sea“ im Kino in Berlin

The Deep Blue Sea USA/Großbritannien 2012; Regie: Terence Davies; Darsteller: Rachel Weisz (Hester Collyer), Tom Hiddleston (Freddie Page), Simon Russell Beale (Sir William Collyer); 102 Minuten; FSK 0; Kinostart: 27. September

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