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„Defamation“ im Kino

DefamationDie Legitimität des Staates Israel gründet auf internationalen ­Beschlüssen, sie ist eine völkerrechtliche Tatsache, die allerdings nicht von allen Nationen in gleichem Maße anerkannt wird. Bis ­heute ist Israel ein umstrittenes Gemeinwesen. Das liegt auch daran, dass Israel ein jüdischer Staat ist, auf den vielfach die Projektionen des Antisemitismus neu ausgerichtet werden.
Der israelische Filmemacher Yoav Shamir beschäftigt sich in seiner Dokumentation „Defamation“ vor allem mit der Anti-Defamation-League in den USA, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Fälle von Judenhass zu dokumentieren und aufklärerisch dagegen vorzugehen. Shamir erkennt bei den Funktionären der ADL eine starke Bereitschaft, vor dem Hintergrund der historischen Erfahrung des ­Holocaust starke aktuelle Bedrohungsszenarien zu entwickeln.
Er entdeckt aber auch bei einem Gespräch auf offener Straße in New York, dass selbst gute Nachbarn nicht frei sind von stereotyper Wahrnehmung, und hier fällt auch das Stichwort, das „Defamation“ ein Leitmotiv gibt: Die Juden hätten den Holocaust in einen Bonus umgewandelt, durch den sie nun (zum Beispiel bei den Behörden von New York) bevorzugt würden. Shamir findet bei seiner Recherche neben diesen Aktualisierungen älterer antisemitischer Klischees zudem eine regelrechte Pädagogik einer israelischen Sonderstellung aufgrund des Holocaust, und bei dem Besuch einer Schulklasse in Auschwitz geraten die jungen Menschen geradezu unter Druck, diese besondere Rolle auch persönlich und emotional nachzu­vollziehen.
„Defamation“ verweist in durchaus zugespitzter (und dadurch ­naturgemäß das Thema nicht vollständig erschöpfender) Form auf Aspekte der israelischen Identität, die den Antisemitismus auf vertrackte Weise zu bestätigen scheinen. Yoav Shamir hat sich schon in Filmen wie „Checkpoint“ kritisch mit der Politik seines Landes ­auseinandergesetzt; mit „Defamation“ kann er zwar die komplexe Gemengelage von Rassismus und Nationalismus nicht einfach klären, immerhin aber findet er für diese Komplexität eine angemessene Form – und viele hochinteressante Protagonisten.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Defamation“ im Kino in Berlin

Defamation, Österreich/Dänemark/Israel/USA 2008; Regie: Yoav Shamir; 95 Minuten

Kinostart: 30. September

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