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Denis Villeneuve im Interview

Denis Villeneuve

tip Herr Villeneuve, Ihr Film „Prisoners“ galt in Toronto als echte Überraschung, zum US-Start waren die Kritiken überschwänglich und die Besucherzahlen bemerkenswert gut. Aber war diese düstere Geschichte für Sie nicht auch ein Risiko?
Denis Villeneuve Wenn ich einen Film mache, sehe ich mich immer am Abgrund zur Katastrophe. Während der Dreharbeiten zu „Prisoners“ habe ich Freunden gesagt: Ein gewalttätiges Feel-Bad-Movie, das wird sicher ein Reinfall. Warum habe ich keine nette, harmlose Komödie gemacht, eine irgendwie sichere Sache? Mir war doch völlig klar, dass das möglicherweise mein erster und letzter Hollywood-Film sein könnte. (lacht) Aber andererseits war ich von dem Drehbuch von Aaron Guzikowski wirklich begeistert. Und ich gehe eigentlich als Filmemacher sehr gerne Risiken ein, erst dann fühle ich mich wirklich lebendig. Bei „Prisoners“ wusste ich, dass das Skript und die Schauspieler sehr stark sind, aber ein Gefühl der Unsicherheit bleibt ja immer. Da war es sehr gut, dass Kameramann Roger Deakins mit dabei war.

tip Deakins ist ein langjähriger Mitstreiter der Coen-Brüder und ein Hollywood-Veteran. Wie war die Zusammenarbeit?
Denis Villeneuve Zu Beginn der Dreharbeiten war ich noch etwas eingeschüchtert von ihm, aber irgendwann musste ich mir einen Ruck geben: Entweder bin ich ein richtiger Regisseur oder das Ganze wird für alle zum Albtraum. Ich musste mit diesem seltsamen, nagenden Gefühl fertig werden, dass mich ein erfahrener Profi wie Roger Deakins nur als Schwindler sieht. Das war natürlich nur in meinem Kopf. Deakins war unbeschreiblich nett, am wichtigsten war ihm, dass ich meinen Film machen kann. Er hat sich sehr für meine Ideen interessiert und war immens entgegenkommend. Manchmal war er fast so was wie mein Beschützer.

Dreharbeiten zu tip Unterstützung bekamen Sie auch von Jake Gyllenhaal, mit dem Sie direkt vor „Prisoners“ das Indie-Drama „Enemy“ gedreht haben.
Denis Villeneuve Jake fordert mich. Ständig. Das ist nicht immer einfach, aber letztlich hilft er mir dabei, ein besserer Filmemacher zu werden. Wichtig war für mich aber auch Hugh Jackman: Der kam ohne Superstar-Ego aufs Set, er hat viel zugehört und mir vertraut. Und es ist schon sehr wichtig, wenn der Hauptdarsteller freundlich ist und aufmerksam und liebevoll, im Umgang mit mir oder auch dem restlichen Stab. Das erzeugt eine sehr positive, vertrauensvolle Stimmung beim Dreh.

tip Wie kam es vorher zu der Zusammenarbeit mit Gyllenhaal?
Denis Villeneuve Für „Enemy“ hatte ich einen Schauspieler gesucht, der Teil von einem Experiment sein wollte, den ich in mein filmisches Labor mitnehmen kann. Für Jake kam dieses Angebot zum richtigen Zeitpunkt: Er war und ist in einer Phase seiner Karriere, in der er schauspielerisch etwas Neues versuchen und aus dem konservativen System der US-Studios ausbrechen möchte. Er will wieder Freude an seiner Arbeit haben, das machte das „Spiel“, das ich ihm anbot, für ihn interessant. Die Arbeit an „Enemy“ war recht ungewöhnlich, aber wunderschön: Monatelang haben eigentlich nur wir beide an dem Film gearbeitet und dabei über Filme und das Leben geredet, Schauspiel, Regie, eigentlich über alles. Da ist eine sehr starke Bindung entstanden, wir sind gute Freunde geworden. Irgendwie war klar, dass wir auch bei „Prisoners“ zusammenarbeiten würden, ich brauchte da keine Überzeugungsarbeit leisten. Ich habe nur gesagt: Lass uns alles, was wir bei „Enemy“ gelernt haben, mal in einem richtigen Film einsetzen. (lacht)

tip In „Prisoners“ ändert sich irgendwann der Tonfall und die Perspektive: Der Film fängt als düsteres, konsequent verstörendes Drama an und wird dann zum Thriller.
Denis Villeneuve Im Drehbuch waren die Thriller-Aspekte sehr gut und deutlich ausgearbeitet, aber mich hat der Drama-Aspekt der Geschichte eigentlich mehr interessiert. Deshalb habe ich den Figuren mehr Raum und mehr Tiefe gegeben und einzelne Details geändert. Oder die Gewichtung einer Szene, bei der ich dann den Krimi-Teil heruntergefahren habe, um mich mehr mit den Menschen beschäftigen zu können.

Dreharbeiten zu tip Der bisherige Erfolg von „Prisoners“ ist für Ihre Karriere gut, aber haben Sie überhaupt ein Interesse, weiter mit und in Hollywood zu arbeiten?
Denis Villeneuve Das ist schon eine unglaubliche Droge! (lacht) In Hollywood habe ich die Möglichkeit, mit prominenten Schauspielern zu arbeiten, die ich sehr schätze, in Montreal geht das nicht. Und man kann plötzlich Dinge machen oder machen lassen, die ich nie für möglich gehalten hätte. Zum Beispiel das Wetter kontrollieren: Wenn ich bei „Prisoners“ einen ständig wolkenverhangenen Himmel wollte oder Regen oder Schnee, brauchte ich das nur den Technikern sagen. Das ist schon enorm. Ich bin ja eher Guerilla-Filmemacher, da ist es fast ein Schock, wenn man plötzlich beim Dreh über eine ganze Armee verfügt. Daran gewöhnt man sich auch sehr schnell. Aber man muss aufpassen, nicht seine Identität als Filmemacher zu verlieren: Solange ich in den USA die Filme so machen kann, wie ich will, arbeite ich dort gerne weiter. Ansonsten gehe ich eben zurück nach Kanada. Da gibt es wenig Geld, aber dafür hat man dort völlige Freiheit. Und Freiheit ist unbezahlbar. Die Arbeit in Hollywood hat andere Vorteile.

tip Welche Vorteile sind das?
Denis Villeneuve Man kann da mit erfahrenen, versierten Leuten zusammenarbeiten, mit echten Profis und Legenden wie eben Roger Deakins. Das ist toll. Und in den USA nimmt man das Kino sehr, sehr ernst. In Kanada wird einem als Filmemacher immer das Gefühl gegeben, man stehle Geld vom Staat für ein sehr teures Hobby, als wäre Regisseur kein richtiger Beruf. Natürlich habe ich viel Glück gehabt, in Kanada genauso wie mit „Prisoners“. Aber es ist wirklich schön, wenn man in Hollywood arbeitet und als Regisseur ernst genommen wird. Diese Anerkennung, dieser Respekt für den Berufsstand gefällt mir wirklich sehr.

Interview: Thomas Klein

Fotos: Wilson Webb / 2013 Alcon Entertainment, LLC. / TOBIS Film

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Prisoners“ im Kino in Berlin

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