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Der Berliner Schauspieler Benno Fürmann

Das Jahr fängt gut an für Benno Fürmann:?Anfang Januar startet seine jüngste Arbeit „Jerichow“ im Kino. Im letzten September feierte die tödliche Dreiecksgeschichte bereits Uraufführung im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig vor der versammelten Weltpresse. Weiter kann ein Schauspieler in Glamourhinsicht kaum kommen. Den Rummel, der mit der anstehenden Berliner Premiere noch einmal auflebt, wird Fürmann bei einer seiner einsamen Reisen hinter sich lassen. Wochenlang wanderte er zuletzt durch Nepal, für 2009 ist eine Fahrt ans Ende der Welt geplant, nach Patagonien.
Extreme Terrains liegen Fürmann:?2008 konnte man ihm dabei zuschauen, wie er Haken ins Eiger-Massiv schlug und sich mit seiner Seilschaft am vereisten Felsen aufwärtskämpfte. In „Nordwand“ spielte er die Bergsteigerlegende Toni Kurz, einen asketischen Grenzgänger. Der Grandhotel-Welt zu Füßen des Berges begegnete er mit einem typisch markigen Benno-Fürmann-Gesicht. Am Berg jedoch verwandelte sich die verstockte Unberührbarkeit seines zweifelhaften Helden in Tatkraft und Umsicht. Wenn es um Handgriffe, Schrittfestigkeit und Überlebenstechniken geht, sieht man trotz der falschen Melodramentöne von „Nordwand“, was physisches Kino für einen wie Benno Fürmann bedeuten könnte.
„Ich mag es, Menschen in Grenzsituationen zu zeigen, in denen Worte nicht ausreichen“, sagt Fürmann. „Da wird das physische Spiel schnell relevant. Figuren, die keine heile Welt leben, sind spannender. Ich bin leicht für so ein Drehbuch zu entflammen.“ Dass Benno Fürmann ein „Körper-Schauspieler“ sei, klebt wie ein Etikett an ihm und seiner beruflichen Vita. Fast gelangweilt reagiert er, wenn man ihn darauf anspricht. Überhaupt fixiert er einen zuerst unter zusammengezogenen Brauen mit einem offensiven Blick aus den blauen Augen, ehe sich seine Reserviertheit löst. „Bei vielen Drehbüchern merkt man, dass es ein Unterschied ist, sich am Schreibtisch etwas auszudenken oder vor Ort die Dinge zum Leben zu erwecken.“ Planbar ist die Rollenwahl dennoch nicht so leicht: „Ich lasse mich überraschen und anregen, ich schreibe ja nicht selbst und bin davon abhängig, was mir angeboten wird.“
In Christian Petzold hat Benno Fürmann einen Regisseur gefunden, dem an der Verschlossenheit seiner Filmfiguren, nicht nur an Muskelpaketen und markanten Gesichtszügen bei seinen Schauspielern gelegen ist. Seit „Wolfsburg“, „Gespenster“ (in einem kurzen Intermezzo) und Petzolds neuem Film „Jerichow“ haben sich die Arbeit, die Gespräche und die Freundschaft miteinander entwickelt. „Christians Drehbücher sind äußerst präzise. Die Filme beobachten sehr distanziert und fangen die Akteure auf, ohne einzudringen. Er beobachtet und erzählt mit einem Blick auf unsere Gesellschaft, auf das Land und die Zeit.“
„Wolfsburg“ handelte von einem jungen Autoverkäufer, dessen Wohlstandsexistenz so selbstverständlich wirkt wie seine guten Anzüge. Doch die Welt dieser Fürmann-Figur erweist sich als Trugbild, als er ein Kind überfährt und Fahrerflucht begeht, dann jedoch eine Beziehung zur Mutter des toten Kindes beginnt. „Jerichow“ setzt in einer ärmeren Schicht an, in der von kurzlebigeren Geschäften geprägten Region an der Elbe. Benno Fürmann spielt Thomas, einen gescheiterten Träumer, der im Haus seiner Mutter, einem DDR-Erbe, wieder Fuß fassen will und sich in eine Dreiecksbeziehung mit einem Paar neu zugezogener Geschäftsleute (Nina Hoss, Hilmi Sözer) verstrickt: „Bei Thomas ist wichtig, dass er in seiner Vergangenheit Le­bensentwürfe gesucht hat, die ihm um die Ohren geflogen sind. Er war Soldat und vielleicht danach in der Türsteherszene, um die Tage vollzukriegen, um eine tiefe Einsamkeit durch lautes Tun zu übertönen.“

Foto: Christian Schulz

Lesen Sie das vollständige Porträt in tip 02/09 auf Seite 30.

Benno Fürmanns neuer Film „Jerichow“?läuft am 8.1. in den Berliner Kinos an.

Lesen Sie hier: Die Filmkritik zu „Jerichow“

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