Essayfilm

„Der die Zeichen liest“ im Kino

Der Kreuzzug des Benjamin: In „Der die Zeichen liest“ porträtiert der russische Regisseur Kirill Serebrennikov einen religiösen Fanatiker

Foto: Neue Visionen Filmverleih
Foto: Neue Visionen Filmverleih

Beim Thema religiöser Fanatismus sind die Assoziationen derzeit ziemlich eindeutig: Man denkt an einen Lastwagen, der durch einen Weihnachtsmarkt rast oder eine Strandpromenade entlang. Man hat Begriffe wie Al Qaida oder Islamischer Staat im Kopf. Der Fundamentalismus ist in unseren ­Augen muslimisch. Dabei handelt es sich doch um ein viel allgemeineres Phänomen, wie man bei einem Blick auf die amerikanische Innen­politik sieht (die selbst den Erzsünder Donald Trump zu einem Heuchler gemacht hat). Oder nach Russland, wo der Nationalismus sich mit der Orthodoxen Kirche verbündet hat. Überall gibt es Fanatiker, nicht alle möchten für ihren Glauben sterben, aber als Märtyrer sehen sich viele von ihnen.
„Märtyrer“, so heißt auch das Theaterstück von Marius von Mayenburg, das 2012 an der Berliner Schaubühne uraufgeführt wurde und das nun eine russische Verfilmung hervorgebracht hat. Das hat viel mit der internationalen Theaterszene zu tun, denn der Regisseur Kirill Serebrennikov hat häufig in Deutschland gearbeitet.

Aber die erste Frage beim Interview in ­einem Hotel in der Metzer Straße in Prenz­lauer Berg gilt natürlich den ­näheren ­Umständen dieser Verpflanzung eines Stücks, das tief im deutschen Protestantismus ­wurzelt, in die so andere Welt im heutigen Russland. „Ich kannte Marius von Mayenburg“, erzählt Kirill Serebrennikov, „weil ich ihn einmal zu einem Theaterfestival nach Moskau eingeladen hatte. Er kam damals nicht, weil er der Meinung war, dass er ­damit besser gegen die russische Diskriminierung und Verächtlichmachung von Schwulen ­protestieren könnte. Ich fand, er hätte besser daran getan, zu kommen. Ich meldete mich dann wieder bei ihm, als ich von seinem Stück hörte. Er schickte es mir, ich las es auf ­Englisch – und er gab sein Einverständnis für eine Verfilmung.“

Der Film kommt in Deutschland unter dem Titel „Der die Zeichen liest“ in die Kinos, in Cannes lief er im Vorjahr unter dem inter­nationalen Titel „Student“. Die Hauptfigur ist ein Schüler namens Benjamin, der in seiner Schule mit seiner Haltung aneckt: Am Schwimm­unterricht nimmt er nicht teil, weil er ihn für unzüchtig hält; im Biologieunterricht macht er sich über die Evolutionstheorie ­lustig. Benjamin wirft mit Bibelzitaten um sich und stellt sowohl eine fortschrittliche Lehrerin wie auch die eher traditionell eingestellte Direktorin vor unlösbare Probleme.

Warum hat Kiril Serebrennikov sich für diesen Außenseiter interessiert, der ja nicht einmal richtig zur patriotischen religi­ösen Renaissance in Russland passen will? ­„Täuschen Sie sich nicht“, klärt der Regisseur auf, „das ist eine in höchstem Maß typische Figur. In Russland kennt jeder diese Formulierung von der Verletzung der religiösen ­Gefühle. Darauf beruft sich ­andauernd ­jemand, und so kann man Pussy Riot ins ­Gefängnis werfen oder Ausstellungen schließen lassen. Benjamin agiert wie ein Fanatiker, aber auch das ist eine typische Persönlichkeit. Manchmal sind diese Leute Teil der Kirche, manchmal bleiben sie außerhalb. Es geht nicht wirklich um Glauben oder Gott, es geht um Manipulation. Er will ein Star sein. Er will alles das, was für ihn unerreichbar ist. Es ist eigentlich ganz primitiv, aber seine Waffe ist stark.“

Man erfährt viel über das heutige Russland und über die noch tief in der Sowjetunion verwurzelten Mentalitäten, wenn man sich den Kreuzzug von Benjamin gegen seine Mutter und die Schule ansieht. Ein auffälliger Aspekt des im ehemaligen deutschen Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, gedrehten Films ist seine Betonung der Sinnlichkeit aller Beteiligten. Serebrennikov begründet dies so: „Religion ist immer mit der Sexualität verbunden. In der Sowjetunion und nun in Russland gab es immer ein offizielles und ein verborgenes Leben. Das verborgene Leben konnte wild sein. Aber es durfte nicht sichtbar werden. Die Schichten des Lebens sind typisch für Russland: Es gibt eine Fassade, und das, was dahinter ist. Das ist persönlich. Man darf es nur nicht zeigen. Das gilt besonders auch für Homosexualität. Dabei gibt es im Fernsehen sehr viele offen schwule Verhaltensweisen. Aber eine Gay Pride Parade wäre zu viel.“

Als Intendant des Gogol Theaters zählt Kiril Serebrennikov zu jener urbanen Intelligenzija in Moskau, die eigentlich wenig mit dem Leben der einfachen Leute in Russland zu tun hat. Er reist häufig, erst im vergangenen Herbst hat er an der Komischen Oper einen vielgelobten „Barbier von Sevilla“ inszeniert. Von seiner persönlichen religiösen Haltung her ist Serebrennikov Buddhist. Mit „Der die ­Zeichen liest“ erweist er sich als ein profunder Phänomenologe einer Religiosität, die – über die jeweiligen kulturellen Umstände hinaus – vor allem eine radikale Veränderung der Verhältnisse will.
Da drängt sich die Frage auf, wie Sere­brennikov das heutige Russland sieht, das ja zunehmend Züge einer Autokratie annimmt. Seine Antwort zeugt von seinem unbedingten Willen zur Eigenständigkeit. „Ich hasse es, mich zu beklagen. Ich arbeite, ich erlebe keine offene Zensur, die Zensur ist ökonomisch. Aber ein Film wie dieser oder unser Theater ist immer noch möglich. Das gibt mir immer noch Hoffnung. Das meiste Geld in Russland geht in die Propaganda: Fernsehen, Filme, überall geht es um Propaganda. Theater ist immer noch ein Bereich der Freiheit. Es hängt davon ab, was man will: Wenn man Freiheit will, verzichtet man auf Geld, wenn man sich mit der Macht arrangiert, dann kann man auch viel Geld bekommen. Man hat die Wahl. Es ist eigentlich eine ganz normale Situation. Die Regierung interessiert sich nicht für die Intellektuellen, die Künstler. Das Leben ist viel größer als Putin. Es gibt so viel zu tun. Man muss sich ein paralleles Leben bauen zu all den Dingen, die man nicht verändern kann.“

Uchenik (OT) RUS 2016, 118 Min., R: Kirill Serebrennikov, D: Petr Skvortsov, Victoria Isakova, Svetlana Bragarnik, Julia Aug, Start: 19.1.

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