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„Der Fall Chodorkowski“ im Kino

Der Fall Chodorkowski

Aufstieg und Fall des russischen Öl-Oligarchen Michail Chodorkowski sind ein schönes Beispiel dafür, wie sich in der Berichterstattung westlicher Medien die Perspektiven über die Jahre hinweg verschoben haben. An die Stelle des neoliberalen Superkapitalisten, der in den Zeiten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit undurchschaubaren Methoden eine obszöne Menge Geldes anhäufte, ist das Bild eines tapferen Verfechters westlicher Werte wie Transparenz und Demokratie gerückt, der von seinem großen Gegenspieler Wladimir Putin in politisch motivierten Gerichtsprozessen aus dem Weg geräumt worden ist.
Es ist ein Verdienst des Regisseurs Cyril Tuschi, dass er sich in seiner Dokumentation „Der Fall Chodorkowski“ nicht von diesen Medienbildern und Projektionen hat blenden lassen. Facettenreich und schlüssig analysiert Tuschi in Gesprächen mit Politikern, ehemaligen Geschäftspartnern und Beratern Chodorkowskis sowie dessen Familie die gesamte Karriere des einstigen Oligarchen und zeichnet dabei den Charakter eines extrem ehrgeizigen und arroganten Alphatiers nach, dessen heutiges Image im Westen nicht zuletzt auf eine von ihm selbst initiierte PR-Kampagne zurückgeht: Noch als Chef des Ölkonzerns Yukos hatte Chodorkowski festgestellt, dass das Zauberwort Transparenz letztlich mehr Anleger aus dem Westen anlockte. Auch die Frage, ob sich Chodorkowski jetzt gewissermaßen als Märtyrer auf Zeit selbst opfert, um später seine politische Auferstehung feiern zu können, spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle.
Das bedeutet natürlich nicht, dass die Prozesse gegen ihn etwa nicht politisch motiviert gewesen wären, auch das macht der Film klar: Die Zerschlagung von Yukos war, so die schlüssige Theorie, vor allem der Versuch der Regierung, ihren Einfluss auf den Konzern zu behalten, der sich gerade in Verhandlungen über Joint Ventures mit amerikanischen Ölfirmen befand. Denn die Oligarchen waren ein Stück weit immer die Marionetten des russischen Staates gewesen: Sie durften zwar verdienen, aber nicht politisch handeln. Dass sich Chodorkowski daran nicht hielt, wurde ihm zum Verhängnis. Einer der Ex-Anwälte von Yukos zieht im Film das Fazit: „Chodorkowski hat das System selbst geschaffen, dem er zum Opfer fiel.“

Text: Lars Penning

Foto: Farbfilm Verleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Der Fall Chodorkowski“ im Kino in Berlin

Der Fall Chodorkowski, Deutschland 2010; Regie: Cyril Tuschi; 116 Minuten; FSK 12

Kinostart: 17. November

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