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Der Filmemacher Matt Porterfield

Matt PorterfieldDie Stadt Baltimore ist vielen Menschen durch die Fernsehserie „The Wire“ ein wenig vertraut geworden. Dort wurden, ausgehend von den Straßenecken, an denen die Dealer stehen, verschiedene Milieus und Arbeitsbereiche erschlossen – der Hafen, die Schule, das Rathaus, allesamt spezifische Ausschnitte aus dem, was das Leben einer großen Stadt ausmacht. Der junge Regisseur Matt Porterfield hat seine ersten beiden Filme „Hamilton“ und „Putty Hill“ auch in Baltimore gedreht, und unwillkürlich sucht man nach Anknüpfungspunkten an die riesige fiktionale Welt von „The Wire“.
Sehr schnell ist allerdings klar, dass es hier um eine ganz andere Form des Erzählens geht, auch wenn man sich gut vorstellen kann, dass unter den (fehlenden oder versagenden) Vaterfiguren auch einer wie der Detective McNulty sein könnte. Porterfield zeigt vornehmlich junge Leute, die mit ihrer Freiheit häufig so allein gelassen werden, dass sie davon überfordert sind.
HamiltonIn „Hamilton“ (Foto rechts) ist das Spannungsmoment der Geschichte ein ganz einfaches, und doch wird die Sache dadurch ungeheuer komplex: Ein Mädchen, das schon Mutter eines kleinen Kindes ist, steht kurz vor der Abfahrt zu einem Ferienaufenthalt. Ihr Freund Joe, der kein guter Partner und auch kein guter Vater ist, lässt sich kaum blicken, und alles kommt darauf an, ob er wenigstens zum Abschied eine Geste der Anerkennung seiner Verantwortung der Freundin gegenüber hinbekommt. Porterfield versteckt dieses kleine Liebesdrama beinahe in einer beiläufigen Dramaturgie der Beobachtung alltäglicher Szenen. Joe mäht Rasen, die Mädchen lungern an einem kleinen Pool herum, viel passiert nicht.
Dieses elliptische Erzählen prägt auch Porterfields zweiten Film „Putty Hill“, in dem Leute zusammenkommen, um eine Totenfeier für einen jungen Junkie abzuhalten, den sie alle kannten. Formal ist dieser Film noch ein wenig ungewöhnlicher als der erste, denn es gibt immer wieder Interview-Passagen, in denen die Leute von sich und Cory erzählen. Deutlicher noch als in „Hamilton“ weist Porterfield den semidokumentarischen Charakter seiner Arbeit aus. Er gewinnt seine Erzählungen, die sich in dramatischer Hinsicht ohnehin auf das Notwendigste beschränken, aus der Beschäftigung mit Menschen aus der Gegend von Baltimore, deren Chronist er mit „Hamilton“ und „Putty Hill“ ist – es ist eine Chronik nicht so sehr der Wendepunkte, sondern der winzigen Epiphanien. Vor allem mit dieser Neubestimmung dessen, was eigentlich eine Erzählung lohnt, nimmt Porterfield eine modernistische Sonderstellung im amerikanischen Independentkino ein, das im Lauf seiner Geschichte ja eher durch ironische Überhöhung von Plotformeln von sich reden machte als durch deren beobachtungsintensive Unterwanderung. Im Spannungsverhältnis zwischen bloßem Leben und dramatischer Erzählung wählen Matt Porterfields Filme dezidiert das Leben.

Text: Bert Rebhandl

Die Filme „Hamilton“ und „Putty Hill“ sind im Rahmen des „Unknown Pleasures“-Filmfestes im Babylon Mitte sehen. Das American Independent Film Fest findet vom 01.01.2011 – 16.01.2011 statt.

Lesen Sie hier: Das Filmfest „Unknown Pleasures“

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