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„Der Fluss war einst ein Mensch“ im Kino

Der_Fluss_war_einst_ein_Mensch_c_JakubBejnarowicz_filmgalerie451Ein junger Mann mit blonden Haaren fährt durch Afrika. Fremder kann einer hier kaum aussehen, und dann kommt er noch mit einem Geländewagen daher, auch das unterscheidet ihn von den Menschen in der Gegend, die er durchquert. An einem Fluss ist vorerst Schluss. Die Straße fällt zum Ufer hin ab, eine Brücke gibt es nicht, Fähre ist auch gerade keine da. Der junge Mann wählt dann eine andere Art der Überfahrt. Von einem alten Afrikaner lässt er sich im Einbaum herumrudern, auf einer Fahrt, die scheinbar kein Ziel hat, und als sie schließlich Lager machen, ist nicht ganz klar, ob das nun auf einer Insel, auf einer Halbinsel oder auf festem Land ist. Die Unsicherheit gehört zu diesem Landstrich, einem offensichtlich weit verzweigten Delta, von dem der deutsche Regisseur Jan Zabeil in seinem Film „Der Fluss war einst ein Mensch“ zu Beginn aus der Luft eher eine Impression als einen Überblick gibt.

Das Ungefähre ist Prinzip. Keine Namen (weder die Hauptfigur noch das Land, in dem wir sind, werden näher bezeichnet). Keine Erklärungen. Keine Rückversicherungen in der Normalität. Am Abend sitzen der Bootsfahrer und sein Passagier noch beim Feuer und versuchen, sich zu verständigen. Ein „actor“ ist der junge Mann, der ja tatsächlich ein Schauspieler ist, nämlich der Jungstar Alexander Fehling, der zurzeit auch in „Wir wollten ans Meer“ zu sehen ist. Der Führer versucht das Wort zu verstehen: Ein „actor, ist das so etwas wie ein „doctor“? Begriffe, die uns ganz selbstverständlich sind, gelten dort, wo dieser Film spielt, nichts.
Am nächsten Morgen ist der junge Mann allein (sehr viel mehr verrät man besser nicht von dieser Geschichte), und aus dem Ungefähren wird eine radikalen Konkretion: Die undurchdringliche Landschaft verliert schnell ihren exotischen Reiz und wird zu einer Herausforderung. Nun geht es um praktische Fragen: Welche Gegenstände sind im Gepäck? Was blieb im Wagen zurück? Woran könnte man sich orientieren? Jan Zabeil hat für seinen HFF-Abschlussfilm den Schauplatz geschickt gewählt. Das Delta ist ein natürliches Labyrinth, das nicht nur voller Irrwege, sondern auch abgründig ist.

Radikaler noch als in Ulrich Köhlers „Schlafkrankheit“ findet sich hier ein Europäer in Afrika auf eine Weise exponiert, die auch das Kino an seine erzählerischen Grenzen treibt. In „Der Fluss war einst ein Mensch“ geht es letztendlich um das Experiment, sich so bedingungslos wie möglich einer fremden Welt auszusetzen. Und gerade auf dieser Ebene hat der Film seine Stärken: Wenn man es schafft, sich in diese Situation versetzen zu lassen, wenn man also die zivilisatorischen Rückversicherungen im Kinosaal zu vergessen vermag, dann wird man mit dem jungen Mann mit den blonden Haaren etwas ganz Außergewöhnliches erleben. Allerdings hat Jan Zabeil ein wenig Mühe, die reduzierte Erzählung auf Filmlänge zu bringen. Deswegen kommt es mit zunehmender Dauer zu der einen oder anderen Ungereimtheit, und das Ende scheint ein wenig unentschlossen. Für einen deutsche Erstlingsfilm zeigt „Der Fluss war einst ein Mensch“ aber viele ungewöhnliche Qualitäten und verfällt bei seinem Blick auf das Fremde nie in Exotik.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Jakub Bejnarowicz/Filmgalerie451

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Der Fluss war einst ein Mensch“ im Kino in Berlin

Der Fluss war einst ein Mensch Deutschland 2011; Regie: Jan Zabeil; Darsteller: Alexander Fehling, Sariqo Sakega, Obusentswe Dreamar Manyim; 83 Minuten; FSK 6; Kinostart: 27. September

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