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„Der Freischütz“ im Kino

Der Freischütz

Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ erzählt von einer tückischen Liebesprobe. Max, ein junger Jäger in fürstlichen Diensten, muss einem Brauch zufolge mit einem einzigen Schuss einen Hirschen erlegen, nur dann erhält er von seinem Landesherrn die Erlaubnis, seine Braut Amalie zu heiraten. Er quält sich mit Versagensängsten, seine männliche Würde steht auf dem Spiel. Amalie hat allen Grund, in dunkle Vorahnungen zu verfallen. In der Not gibt sich Max einem zwielichtigen Jägerkollegen in die Hände, der Hilfe verspricht. Nachts entlocken die beiden in einer Felsenschlucht dem mephistophelischen Phantom Samiel das Rezept für eine garantiert treffsichere Kugel. Dafür nimmt der Ungeist Max in seine Dienste. Es kommt der Tag, die Probe gelingt vor den Augen des Fürsten, aber das Komplott fliegt auf. Max steht wie ein Verräter da. Doch Ende gut, alles gut: Ein frommer Heiliger, das lyrische Pendant zum abgründigen Samiel, stellt die Harmonie wieder her, spricht für Max und erreicht, dass das Paar sich findet.
Diese wunderliche schwarzromantische Oper adaptierte der Opernregisseur Jens Neubert im Stil großer naturalistischer Genre- und Schlachtengemälde für das Kino. Neubert knüpft an Webers Erfahrung der Napoleonischen Kriege im frühen 19. Jahrhundert an, indem er die nicht gesungenen Musikpartien mit Schlachtfeldszenen unterlegt und so den Subtext, der das Thema Angst ursprünglich vieldeutig assoziiert, durch realistische Bilder der moralischen Zerstörung und Entwertung im Krieg etwas zu eindimensional illustriert. Der Film entstand an Originalschauplätzen in Webers Heimatregion Sachsen und wurde mit viel Detailgenauigkeit und Opulenz ausgestattet. So ist er ein grandioses Historienspektakel, ein Klassiker-Musical, das auf einfache Psychologie, (wenige) digitale Gruseleffekte und schöne (Gesichts-)Landschaften setzt. Er kreist um das aktuelle Drama männlichen Identitätsverlustes, nicht um die Auseinandersetzung mit fatalen höheren Mächten, wie sie durch Max’ Abhängigkeit vom Landesherrn und die Ambivalenz von Gut und Böse in der Oper angesprochen wird. Der Film ist vor allem ein Klangerlebnis der perfekten Synchronisation zwischen Spiel und Gesangsaufnahme, die jungen Sänger und Sängerinnen brillieren mit ihren Stimmen, einer gut verständlichen Diktion und Präsenz vor der Ka­mera. Man muss Opernmusik in Nahaufnahmen mit vielen weißen Zähnen zu genießen wissen, andernfalls ist das abstraktere Modell im Opernhaus attraktiver.

Text: Claudia Lenssen

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Der Freischütz“ im Kino in Berlin

Der Freischütz (Hunter’s Bride), Schweiz 2010; Regie: Jens Neubert; Darsteller: Franz Grundheber (Fürst Ottokar), Benno Schollum (Kuno), Juliane Banse (Agathe); 141 Minuten; FSK 12

Kinostart: 23. Dezember

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