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„Der fremde Sohn“ von Clint Eastwood

Der fremde SohnDie Liebe zum Klassizismus kann man auch übertreiben. Clint Eastwood genießt als untadeliger Old-School-Regisseur (von „Unfor­­gi­ven“ bis „Letters from Iwo Jima“) längst Weltgeltung. Mit seinem jüngsten Melodram, „Der fremde Sohn“ (im Original „Changeling“, d.h. „Wechselbalg“), beweist er nun, dass ihn sein exzellenter Ruf vor herben Fehlleistungen keineswegs bewahren kann.
Los Angeles, 1928. Eine alleinerziehende junge Mutter, gespielt von Angelina Jolie, findet abends, als sie von der Arbeit heimkehrt, die sie als Koordinatorin in einer Telefonzentrale beschwingt auf Rol­lerskates vollzieht, ihren neunjährigen Jungen nicht mehr vor. Monate später wird ihr von der lokalen Polizei, die gute Schlagzeilen dringend nötig hat, ein Kind gebracht. Es ist nicht ihres. Sie weigert sich, es anzuerkennen – und stößt auf den massiven Unwillen der korrupten Exekutive, die offenbar davon ausgeht, die Widerrede einer machtlosen Frau qua Autorität im Keim ersticken zu können: Wenn man ihr nur lange genug einredet, dass sie bloß überspannt auf die Rückkehr ihres einzigen Sohnes reagiert, wird sie das auch selbst glauben müssen. Sie tut es nicht – und landet in der Psychiatrie. Der Feldzug der Frau, unterstützt nur von einem manierierten Geistlichen (John Malkovich), gegen all jene, die ihr Unrecht tun, beginnt. Das ist der Stoff, aus dem die Kinotränen sind. Weepie nannte man diese Art des Kintopp in den 20er und 30er Jahren: anrührendes Mate­rial aus dem großen Buch der mensch­lichen Tragödie – Filme zum Heulen.
Natürlich basiert auch „Der fremde Sohn“, die vom Frauendrama gemächlich zur Serienkiller-Psychostudie degenerierende Erzählung, auf einer true story, wie gleich eingangs eilfertig vermerkt wird: Was scheinbar nicht zu glauben ist, soll durch das Echtheitszertifikat restlos authentifiziert werden. Es ist erstaunlich zu sehen, wie tief ein Filmemacher vom Schlage Eastwoods in Hollywood noch sinken kann: Er wird zur bloßen Hilfskraft seiner Superstar-Akteurin, die in 1001 Großaufnahme ihr (leider arg beschränktes) Leidensrepertoire durchspielen darf. Und Eastwood pflastert die Inszenierung mit mehr Klischees, als das Genre erlaubt, besetzt es mit Karikaturen, wohin man blickt: Die bösen Polizisten sind, bis auf eine leuchtend liebevolle Ausnahme, inhuman bis zum Abwinken, während die guten Kräfte gleich unter dem Ehrenschutz Jesu Christi ans Werk gehen.
Ambivalenzen duldet Eastwood somit nicht, wohl auch, um seine Arbeit nicht unnötig zu komplizieren, wie auch sein hoch­manipulativer, selbst kom­po­nier­ter Soundtrack zeigt: alles Gefühl und keinerlei Verstand. So gerät „Der fremde Sohn“ in Überlänge zu einem abgekarteten Spiel mit dem Ikonenstatus Jolies, komplett mit ironischem Verweis auf die Oscar-Nacht 1935: Da weiß man wenigstens, worauf alle Beteiligten hier hinarbeiten.

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung: Zwiespältig

Der fremde Sohn (Changeling), USA 2008; Regie: Clint Eastwood; Darsteller: Angelina Jolie (Christine Collins), John Malkovich (Reverend Gustav Briegleb), Jeffrey Donovan (Captain J.J. Jones); Farbe, 140 Minuten

Kinostart: 22. Januar 2009

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