Kino & Stream

„Der Gott des Gemetzels“ im Kino

Der Gott des Gemetzels

Die Kinder haben sich längst wieder vertragen, und der Hamster lebt, wirkt ganz vergnügt auf irgendeiner Wiese mitten in New York.
Roman Polanskis bittere Komödie „Der Gott des Gemetzels“, eine Verfilmung des gleichnamigen, äußerst erfolgreichen Theaterstücks der französischen Autorin Yasmina Reza, kann man im Grunde nur von seiner Schlusspointe her richtig verstehen. Denn die handgreifliche Auseinandersetzung zweier Kinder, bei der zwei Zähne verloren gingen, und die rücksichtslose Aussetzung des Hamsters mitten in der Großstadt sind die Ausgangspunkte des „Gemetzels“ zwischen den Ehepaaren Longstreet (Jodie Foster, John C. Reilly) und Cowen (Kate Winslet, Christoph Waltz), die sich eigentlich getroffen haben, um vernünftig und zivilisiert über die Prügelei der Kinder zu sprechen und einen Bericht für die Haftpflichtversicherung abzufassen. Doch ihr Treffen – an nur einem Schauplatz, der Longstreet-Wohnung, als ein Echtzeit-Drama ohne Ellipsen in Szene gesetzt – entgleist zusehends: Höflichkeit, Vernunft und Verantwortungsbewusstsein erweisen sich als nur allzu dünne Maske, hinter der Vorurteile, Desinteresse, Selbstgerechtigkeit und eine Political Correctness lauern, die vor allem mit Prinzipienreiterei zu tun hat.
Der Gott des GemetzelsViel Lärm um (fast) nichts, scheint Polanski uns also mit der Schlusspointe sagen zu wollen, und man benötigt nicht allzu viel Fantasie, um dies auch als Kommentar zu seiner persönlichen Situation zu verstehen, seit ihn 2009 mit der Verhaftung in der Schweiz seine Affäre um den Gerichtsprozess aus dem Jahr 1977 wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen und seine damalige Flucht, mit der er sich der Verurteilung in den USA entzog, wieder einholte. Denn mit der betroffenen Frau, Samantha Geimer, hatte sich Polanski bereits in den 1990er-Jahren auf Schadensersatz geeinigt; Geimer selbst hat seither immer wieder betont, Polanski längst vergeben zu haben – nicht aber der amerikanischen Justiz und der Presse, die ihr Leben damals ohne Rücksicht in einen grässlichen Zirkus verwandelt hatten.
Und auch ein anderer Aspekt der „Polanski-Affäre“ wird in „Der Gott des Gemetzels“ verhandelt: die von Jodie Fosters Figur verkörperte Political Correctness, die sich hier eben nicht als die Stimme der Vernunft erweist, als die sie sich ausgibt, sondern als ein Gemisch aus Vorurteilen, Halbwissen, selbstgerechter Empörung und Verbitterung.
Der Gott des GemetzelsDa kann man durchaus interpretieren, dass Polanski die Ansicht vertritt, dass unser heutiger Blick auf seine damalige Tat deren insgesamt doch recht komplexen Umstände ein wenig außer Acht lässt. Und zu denen gehört letztlich auch, dass die 1970er-Jahre das Zeitalter einer oft kaum mehr verständlichen Libertinage waren, die mit einer aus heutiger Sicht ungeheuerlichen Sexualisierung jugendlicher Mädchen einherging. Gerade erst hat die Regisseurin Eva Ionescu mit „I’m Not a F**king Princess“ einen fiktionalisierten Film über ihr eigenes Schicksal als erotisches Kindermodell gedreht, das von der eigenen Mutter in eben jenen Jahren vermarktet wurde. Im Gegensatz zu Polanskis hintergründiger Rechtfertigungs-Ironie benennt der Film sein Drama und das Aufbegehren des Mädchens gegen diese Kommerzialisierung des eigenen Körpers allerdings deutlich. Dass Polanski selbst von jugendlicher Erotik fasziniert war, ist kein Geheimnis – Anlass seiner Begegnung mit der damals 13-jährigen Geimer war ein Fotoshooting für das „Vogue“-Magazin, für das Geimers Mutter ihre Tochter mit dem Regisseur allein gelassen hatte. Tatsächlich haben in dem ganzen Drama so viele Leute und Institutionen eine schlechte Figur abgegeben, dass es letztlich schwierig ist, sich über die ganze Geschichte ein simples Urteil zu bilden.

1 | 2 | weiter

Mehr über Cookies erfahren