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Der grandiose Puppenfilm „Coraline“ im Kino

Mit surrealen Geschichten kennt sich Henry Selick bestens aus. Schon „Nightmare Before Christmas“ und „James und der Riesenpfirsich“ waren, wie er es nennt, „Gruselgeschichten für Kinder“, aber seine jüngste Arbeit „Coraline“ gibt seinem Werk eine ganz neue Dimension. Selick sitzt in einer Hotelsuite des Adlon, vor sich eine detailreiche Figur der Heldin aus seinem Film, beim Reden blickt er oft gedankenverloren in die Ferne.
„Coraline“ spielt gekonnt mit Motiven von „Alice im Wunderland“ und „Der Zauberer von Oz„, im Mittelpunkt steht hier eine etwas bockige Elfjährige. Dass die Eltern mit ihr aus der Großstadt in einen abgelegenen Altbau aufs Land gezogen sind, findet Cora­line eher doof und die neuen Wohnungsnachbarn, ein russischer Alt-Athlet und zwei verwitterte Schauspielerinnen aus England, sehr seltsam. In der Gegend gibt es einen potenziel­len Spielkameraden, und der geht ihr nur auf die Nerven. Schön ist dieser Beginn in der grauen, hügeligen Herbstwelt, aber vielleicht fast zu alltäglich. Selick genügt das so wenig wie seiner Teenagerin. Er lässt Coraline im Haus eine kleine Tür finden, die in eine zweite, gespiegelte, deutlich buntere Welt führt, in der alles besser scheint: Die Eltern kümmern sich hier allzu aufmerksam um ihre Tochter, jedes Essen ist ein Gelage, die Nachbarn mutieren plötzlich zu hervorragenden Unterhaltern, der eher strapa­ziö­se Nachbarsjunge zum stummen Begleiter. Dass in dieser Parallelwelt alle Leute aufgenähte Knöpfe anstelle ihrer Augen haben und diese zweite Realität eigentlich entschieden zu gut ist, um wahr zu sein, ist Coraline beinahe egal, selbst die Mahnungen einer schwarzen Katze kümmern sie nicht. Aber man ahnt, dass Coralines süßes Leben noch zum Albtraum werden wird.
„Mein Autor Neil Gaiman hat mir die Geschichte schon sehr früh geschickt“, sagt Selick, „und mir hat das auf Anhieb gefallen.“ Das war vor etwa acht Jahren. „Ich wusste, dass ich daraus einen Film machen will, und habe bald angefangen, Zeichnungen und Entwürfe zu sammeln. Aber es war nicht gerade einfach, die nötige Unterstützung für das Projekt zu bekommen.“
Vor fünf Jahren begann die eigentliche Vorproduktion. Selick verdankt das seinem Freund und Produzenten Bill Mechanic und etwas konspirativen Methoden. Denn „Coraline“ als Puppentrick­film, das war zunächst nicht unproblematisch: „Bills Firma hatte ursprünglich einen Vertriebsvertrag mit Disney, und der untersagte ihm explizit jede Art von Ani­mationsfilm. Also“, erzählt der Filmemacher mit stetig breiter werdendem Grinsen, „haben Bill und ich einfach bis zum Ende des Vertrags so getan, als würden wir das Projekt mit Schauspielern umsetzen. Das wäre natürlich ein furchtbarer Film geworden: Die Puppen-Animation nimmt der Geschichte ja etwas von ihrem Schrecken und macht das eher zu einem Märchen.“

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 17/09 auf den Seiten 36-37.

Text: Thomas Klein

tip-Bewertung:
Herausragend

Orte und Zeiten: „Coraline“ im Kino in Berlin

Coraline, USA 2009; Regie: Henry Selick; Stimmen (Original): Dakota Fanning (Coraline), Teri Hatcher (Mutter/Andere Mutter), Jennifer Saunders (Miss Spink); Farbe, 101 Minuten

Kinostart: 13. August

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