Kino & Stream

„Der große Crash – Margin Call“ im Kino

Der große Crash

Mit einem „Gemetzel“ beginnt J.?C. Chandors Wirtschaftsthriller „Der große Crash – Margin Call“. In den Großraumbüros einer großen Bank in New York sind Leute unterwegs, die anderen Leuten die Arbeit kündigen. Nervös ducken sich die Risikomanager in ihre Drehsessel, jeden kann es treffen, da hilft es auch nichts, wenn einer sich Kopfhörer in die Ohren stöpselt. Eric Dale (Stanley Tucci), ein leitender Angestellter, der auch auf die Straße gesetzt wird, drückt dem jungen Kollegen Peter Sullivan (Zachary Quinto) im Hinausgehen noch einen USB-Stick in die Hand. „Sei vorsichtig“, kann Dale noch sagen, dann schließt sich schon die Aufzugtür. Das, was sich auf diesem Datenträger befindet, kennen wir inzwischen zur Genüge: Es sind Informationen über die wahnwitzigen Spekulationen fast aller großen (und vieler kleiner) Banken. Im konkreten Fall ist es eine Neueinschätzung von Risikobewertungen, auf deren Grundlage die namenlos bleibende Bank, von der J.?C. Chandor erzählt, unmittelbar bankrott wäre. Es bleiben wenige Stunden, um sich noch eine Strategie auszudenken, und von diesen Stunden erzählt „Der große Crash“.
Die Metapher der Ansteckung, die in der Finanzwelt immer wieder gebraucht wird, wird hier durch die konkrete, hierarchische Firmenkommunikation ergänzt: Von Etage zu Etage wandert die Nachricht, auch der oberste Boss John Tuld (Jeremy Irons) muss mitten in der Nacht herbei eilen. Chandor schließt dabei an ein klassisches urbanes Sujet an (die Situation „After Hours“, wenn die Normalsterblichen schon schlafen) und zeigt eine ganze Reihe von toll besetzten und knapp charakterisierten Figuren im Ernstfall äußerster Anspannung, der aber auch mit vielen Wartezeiten einhergeht. So wird sehr anschaulich, wie Entscheidungsfindung in einem solchen Bereich aussehen könnte, wie sich Rationalität mit Tragik verbindet und welchen Spielraum das Individuum mit seiner Intelligenz und seiner Moral dabei hat. „Der große Crash“ zeigt sehr viel plausibler und mit deutlich mehr intellektueller Substanz als Oliver Stones „Wall Street 2 – Money Never Sleeps“, wie ein System funktioniert, von dem man uns glauben machen wollte, dass es in sich selbst und über die Individuen hinaus vernünftig wäre.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Der große Crash“ im Kino in Berlin

Der große Crash – Margin Call (Margin Call), USA 2010; Regie: J.?C. Chandor; Darsteller: Kevin Spacey (Sam Rogers), Paul Bettany (Will Emerson), Jeremy Irons (John Tuld); 109 Minuten; FSK 6

Kinostart: 29. September

Mehr über Cookies erfahren