Kriegsdrama

„Der Hauptmann“ im Kino

Die Brutalität des Bösen: „Der Hauptmann“ ist zwar nicht echt, aber in all seiner Bösartigkeit ein deutscher Mann der Tat

Weltkino Filmverleih

Kleider machen Leute, besonders Unifor­men, erst recht, wenn sie in Gesellschaftssystemen getragen werden, in denen bedingungslose Autorität und Unterordnung Prinzip sind. Was dem „Hauptmann von ­Köpenick“ im wilhelminischen Deutschland gelang, das gelingt Willi Herold in den ­letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs: Eine gefundene Uniform lässt den mutmaßlichen Wehrmachtsdeserteur zum Hauptmann ­Herold mutieren, der mit seiner „Kampfgruppe ­Herold“ alsbald seine eigenen Gesetze macht. Nach der Devise „Angriff ist die beste Verteidigung“ blufft er ranggleiche Offiziere und wird dann in einem Gefangenenlager im Emsland als diejenige Kraft begrüßt, die endlich hart durchgreift – schließlich kann er sich auf einen „Befehl direkt vom Führer“ berufen, der nie in Frage gestellt wird.

Dabei zeigt der Film auch eine andere Seite der Nazidiktatur: Zumindest in deren letzten Tagen scheuen sich Offiziere, Verantwortung zu übernehmen, wenn es um die Vollstreckung von Urteilen gegenüber Strafgefangenen geht – wohl ahnend, dass sie dafür bald zur Rechenschaft gezogen werden können. Für Momente wird der herbe Film hier zu einer schwarzen Komödie über die Bürokratie – hektisch wird tele­foniert, um sich nur ja abzusichern. Doch wenn Herold dann mit Gefangenenerschießungen beginnt, dann gewinnt die Brutalität des Bösen schnell wieder die Oberhand.

Die bittere Pointe kommt am Schluss: Wegen der Übergriffe und der Amtsanmaßung vor ein deutsches Militärgericht gestellt, wird ihm anerkennend zugebilligt, „unter den Wirren der Zeit“ habe er sich „nicht so abwegig verhalten“ – ein deutscher Mann der Tat.

Willi Herold hat es wirklich gegeben, er zog mit seinem Trupp im April 1945 marodierend durch das Emsland und war 1997 bereits ­Gegenstand des Dokumentarfilms „Der Hauptmann von Muffrika“. Jetzt hat sich ­Robert Schwentke, der mit seinem ­Kinodebüt „Tattoo“ 2002 bereits seine Vorliebe fürs ­Genrekino deutlich machte und später ein Jahrzehnt in Hollywood arbeitete (erst mit „Flight Plan“, zuletzt mit der Reihe „Die Bestimmung“), der Geschichte Herolds angenommen und zeigt die Alltäglichkeit des ­Bösen. Dass er sich dabei jedweder Psychologisierung enthält, also etwa nicht die Bio­grafie Herolds einfügt, macht den Film umso schmerzhafter für den Zuschauer. Damit unterscheidet er sich auch von Stefan Ruzowitzkys „Das ­radikal Böse“ (2013), der sein Dokumentar­material wissenschaftlicher Erklärungsversuche für soldatische Grausamkeit mit nachgestellten Szenen verknüpfte.

Bei den Gefährten Herolds handelt es sich einerseits um den brutalen Kipinski (Frederick Lau), andererseits um den eher unterwürfigen Freytag (Milan Peschel). Letzterer weckt im Zuschauer die Hoffnung auf Katharsis, doch da sollte man sich nicht zu früh freuen. Herold selber wird von dem Schweizer Max Hubacher verkörpert. Er spielt diese Figur als jemanden, der seine anfängliche Angst und Unsicherheit schnell ablegt. Dabei ist er von oft irritierender Sanftheit, weit entfernt von dem zackigen Umgangston, den man sonst von Soldaten gewohnt ist. Kurz nachdem er die Uniform angezogen hat, übt er, ähnlich wie Robert De Niro in „Taxi Driver“, den richtigen Umgangston für die erwarteten Konfrontationen, wird aber nur in wenigen Situationen laut und schneidig. Aber gerade das macht sein Verhalten umso beklemmender.

Das Schwarz-weiß des Films nimmt der Geschichte den Naturalismus, in Farbe wäre das Ganze wohl kaum erträglich gewesen, auch wenn Robert Schwentke bei der Inszenierung genau weiß, was er zeigen sollte und was nicht – so gleitet der Film weder in ­Exploitation noch in das errettende Hintertürchen durch Komik ab.

Der Hauptmann D/F/P 2017, 119 Min., R: Robert Schwentke, D: Max Hubacher, Frederick Lau, Milan Peschel, Alexander Fehling, Start: 15.3.

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