Kino & Stream

„Der Herzensbrecher“ im Kino

Herzensbrecher

Die Liebe in Gedanken ist ungerecht; in der Regel zu allen Beteiligten. Am Ende müssen die heimlich Begehrten und die Verschmähten meist erkennen, doch nicht gemeint zu sein. Denn geht es nicht eher um ein Konzept von Liebe als um die Person? Das Objekt der Sehnsucht ist ihrer meist ja auch nicht würdig. Es verlangt vom Liebenden nichts – und stellt doch maßlose Forderungen an ihn. Die Liebe in Gedanken ist in „Herzensbrecher“ zunächst einmal ein Spiel mit mindestens drei Teilnehmern, zu denen für Regisseur Xavier Dolan auf jeden Fall auch der Zuschauer gehört. Für Francis und Marie bedeutet die Begegnung mit Nicolas („Wer ist denn dieser Adonis?“) Liebe auf den ersten Blick. „Bang Bang“ singt Dalida dazu, raffinierterweise in der italienischen Version. Die eigentlich besten Freunde werden zu erbitterten Rivalen – und hören doch nie ganz auf, Komplizen zu bleiben. Wie beiläufig umwerben sie die erotische Neuentdeckung. Begierde und Eifersucht kaschieren sie mehr schlecht als recht, halten die Komödie des platonischen Überschwangs aber heroisch lange aufrecht. Es bleibt in der Schwebe, ob Nicolas nun ahnungslos oder doch ein gewiefter Manipulator ist. Auch das Rätsel seiner sexuellen Orientierung hütet er schonungslos lange.
So wird die Liebe in Gedanken zu einer kniffligen Detektivarbeit. Wie nur lässt sich Nicolas’ Verhalten dechiffrieren: als Versprechen oder gar als Verpflichtung? Für den Kamerablick bleibt er kaum mehr als ein Fetisch, dessen Gebaren in Zeitlupe ausdauernd und schwelgerisch zelebriert wird. Die schnellen Zooms helfen wenig, sein Geheimnis zu lüften. Vor und hinter der Kamera bleibt Xavier Dolan (er spielt eine Hauptrolle, hat die Kostüme entworfen und auch den Schnitt übernommen) ein Schwärmer. Hemmungslos zitiert er Cocteau, Godard, Wong Kar-wai, Visconti und viele mehr und vertraut doch so unbefangen wie seine Charaktere darauf, als er selbst wahrgenommen zu werden. Dieser Jungstar des Autorenkinos – als er sein Regiedebüt „I Killed My Mother“ vorlegte, war er kaum volljährig – besteht die schwere Prüfung des zweiten Films glänzend. „Herzensbrecher“ ist zwar stilistisch noch freizügiger und anspielungsreicher als sein Erstling, verrät aber eine unverwechselbare Handschrift.

Text: Gerhard Midding

Film: Kool Film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Herzenbrecher“ im Kino in Berlin

Herzensbrecher (Les Amours Imaginaires), Kanada 2010; Regie: Xavier Dolan; Darsteller: Xavier Dolan (Francis), Monia Chokri (Mary), Niels Schneider (Nick); 101 Minuten; FSK 12

Kinostart: 7. Juli

Mehr über Cookies erfahren