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„Der Junge und die Welt“ im Kino

Was verbirgt sich unter dem bunten Stein, der einem kleinen Jungen zur Markierung einer vergrabenen Kostbarkeit wird? Es ist eine Dose, und in ihr sind Erinnerungen an den Vater gespeichert – ein Flötenspiel, eine einfache Melodie. Sie ist es auch, die den Jungen aus der Gemeinschaft mit der Mutter forttreibt, denn der Vater ist gegangen, eines Tages, einfach mit dem Zug verschwunden. Und das Kind macht sich nun auf die Suche nach ihm.
Der Brasilianer Вle Abreu hat die Bilder von „Der Junge und die Welt“ (OT: „O menino e o mundo“), gezeichnet und animiert. Sie sind zart und pastellartig, zwischen einzelnen Elementen liegen luftige weiße Flächen. Häufig geht eine Struktur in die andere über, verwandelt sich – Abreus Szenen erinnern nicht selten auch an einen Trip. Besonders zu Anfang, wenn der Junge  – ein Name ist nicht auszumachen, wie auch im gesamten Film nur in einer Art Fantasiesprache kommuniziert wird; Schrift- und Werbetafeln zwar bekannte Symbole andeuten, die sich jedoch nicht einwandfrei entschlüsseln lassen – durch einen Wald läuft, Tieren begegnet, die Natur erfährt.
Letztere steht für einen krassen Kontrast zu dem, was das Kind nach dem Auszug aus dem elterlichen Haus erblickt: Industrie, schwere Fahrzeuge, Umweltverschmutzung, Vereinzelung und Verelendung. Immer wieder verdüstern Sciene-Fiction-Figuren den Ausblick: Schwarze Flugzeuge ziehen ihre Bahnen, es gibt Plakate an Wolkenkratzern mit riesigen Gesichtern darauf – Reminiszenzen an „Blade Runner“ und „Ghost in the Shell“, unterlegt vom kleinen Flötenthema. Es ist eine dystopische (und gar nicht mal so unbekannte) Welt, die Abreu einem ländlichen Paradies entgegenstellt. Sie ist nicht explizit grausam, doch es ist leicht zu verstehen, wie sie das Kind durchfährt. „Der Junge und die Welt“ ist, als säße man in seinem Kopf und guckte nach draußen.    

Text: Carolin Weidner

Foto: Grandfilm

Orte und Zeiten: Der Junge und die Welt

O menino e o mundo (OT) BR 2013; R: Alй Abreu; 80 Min.

Kinostart: Do, 17. Dezember 2015

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