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Der Kinosommer 2013

Pacific Rim

Tief vergraben in den Katakomben des Caesar’s Palace, hinter einer gewaltigen Bühne, auf der sonst Celine Dion ihr Publikum beglückt, sitzt Guillermo Del Toro – und verzieht gequält das Gesicht. Dabei ist der Anlass der Begegnung erfreulich. Der Regisseur zeigt nach jahrelanger Vorarbeit erste Ausschnitte seines Monster-versus-Roboter-Spektakels „Pacific Rim“ (Kinostart: 18.7.). Geboren aus der Schwärmerei in Kindheitstagen für „King Kong“ und Co., als er sich in Mexiko noch falsche Schnauzer ins runde Gesicht klebte, um die Alterskontrolleure im Kino zu überwinden. All diese Fan-Freude soll nun kulminieren in „Pacific Rim“, dem mit Abstand teuersten Film seiner Karriere. In einer Schlacht also von Monstern, so groß, dass sie mit Schiffen werfen können, gegen kolossale Roboter, die von Menschen gesteuert werden.
Wie so oft im Sommerkino gehen einem bei der Beschreibung bald die Superlative aus, und es bleibt abzuwarten bei all dem Krawumm, ob auch die Sensibilität des Schöpfers von „Pans Labyrinth“ in den Blockbuster-Sommer gerettet werden kann. In jedem Fall mischt sich zwischen den Stolz auf das neue Riesenbaby auch der Schmerz einer künstlerischen Niederlage. Eigentlich wollte Del Toro 2013 ein anderes Herzensprojekt vorstellen, eine epische Adaption von H.P. Lovecrafts „In the Mountains of Madness“ für 150 Millionen Dollar. Jahre hatte sein Team ins Kreaturendesign gesteckt, selbst Tom Cruise war gewonnen worden.
Das Studio Universal zog überraschend spät den Stecker. Ein derber Rückschlag für Del Toro, der die Arbeit am „Hobbit“ abgebrochen hatte für diese Chance. Hollywood, vielleicht zu Recht, war besorgt, dass ein Horrorfilm für Erwachsene eine solch hohe Investition nicht rechtfertige. Der Haken ist nur, dass Hollywood dreistellige Millionenetats zur Norm des langen Kinosommers erhoben hat und dieses Geschäftsmodell nichts außer Eskapismus im Angebot hat. Für die ganze Familie. Schräg gegenüber von der Automatenhölle des Caesar’s Palace, die als Kulisse einer Hollywood-Fachmesse dient, wartet der früh ergraute Regisseur Gore Verbinski in der Zen-Ruhe des Mandarin Oriental und flüstert fast erschauernd, wenn er sich die vielen Blockbuster-Projekte dieses Sommers anschaut. „Es ist ein tragischer Kreislauf“, sagt er, „denn um die Leute weg von ihren Flachbildfernsehern zu locken, muss das Kino immer lauter und größer werden. Doch wie laut soll alles am Ende sein, bitteschön? Es ist dadurch so gut wie unmöglich geworden, eine Geschichte mittleren Budgets zu erzählen, die sich nicht an Teenager richtet. Die Schlupflöcher verschwinden.“
Lone RangerVerbinski setzt dem allgegenwärtigen Gewimmel von Superhelden und Sequels einen Western entgegen. „The Lone Ranger“ (Kinostart 8.8.), entwickelt mit den „Fluch der Karibik“-Partnern Johnny Depp und Jerry Bruckheimer. Letzterer auch nicht gerade der Mann fürs Kleckern. Aber schlachtenerprobt genug im System, um „The Lone Ranger“ zu retten, als mit Disney um den Etat gefochten wurde. Immerhin, das Genre ist originell für ein 200-Millionen-Plus-Projekt. Außerdem: „Warum sollte uns mit dem Western nicht gelingen, was wir mit dem Piratenfilm geschafft haben?“, fragt Verbinski in den Raum und schwärmt von John-Ford-Drehorten, garantiert nicht computergeneriert.
Arrivierten Regisseuren wie Verbinski und Del Toro, und bei anderen Gelegenheiten den Kollegen Zack Snyder („Man of Steel“), J.J. Abrams („Star Trek Into Darkness“) oder Bryan Singer („Jack and the Giants“), ist anzumerken, dass ihre jüngsten Megabudgets nicht nur eine Lust sind. Franchises werden gefordert, Regeln für den Weltmarkt gilt es einzuhalten, und am nächsten Wochenende wartet schon die nicht minder gut bewaffnete Konkurrenz.
Das alles führt dazu, dass man diesen Sommer mehr denn je das Gefühl hat, weitgehend Variationen desselben Stoffes zu sehen. Irgendwo geht immer gerade eine Welt unter, ob in „After Earth“ oder „World War Z“, während im Saal nebenan garantiert irgendein dritter Teil läuft. Kein „Inception“ weit und breit, nichts riecht nach Risiko, auch Verbinskis Western ist mit Action hochgerüstet. Und dass das alles auf Dauer geschäftlich nicht gutgehen muss, wo schon monatelange Kino-Langeweile droht, schwante vor Saisonbeginn vielen, als etwa „L.A. Times“ und „Variety“ manches Massaker an der Kinokasse prophezeiten. Zu viele Events, zu hohe Investitionen.
Lone RangerAuf einer viel beachteten Produzenten-Konferenz schlugen Steven Spielberg und George Lucas kürzlich in dieselbe Kerbe, als sie gar eine „Implosion des Studiosystems“ am Horizont sahen. Mit einem übersättigten Markt, der Megaflops wie Dominosteine produzieren und die Branche zum Umdenken zwingen werde. Der Trend geht laut Spielberg zu „50-Dollar-Tickets“ für die ganz fetten Filme. Was ironisch anmutet, wenn man bedenkt, dass Spielberg vor genau zwanzig Jahren mit „Jurassic Park“ dem computergenerierten Kino die Schranken öffnete, so wie Lucas’ „Star Wars“ den filmgeschichtlichen Beginn der Blockbuster-Firmenpolitik markierte.
Alles Jammern nützt freilich wenig, wenn das Publikum den Bedarf bestimmt durch seine Treue gegenüber Rezepturen. Filmemachern bleibt gar nichts anderes übrig, mit Blick auf reduzierte Optionen, als früher oder später eine Erfolgs-Trilogie in die Filmlandschaft zu rammen, wenn sie weiter für einen globalen Markt arbeiten möchten. Einen Markt, der international noch oft auffängt, was in Amerika schon nicht mehr funktioniert.
Jedem Player im ganz großen Unterhaltungsspiel ist die gewachsene Verantwortung bewusst, und man kann nur spekulieren, wie sehr Druck und Story-Schemata ihre kreativen Entscheidungen beeinflussen. An Ehrgeiz und an Innovationswillen mangelt es keinem aus der Sommerklasse 2013. Nicht nur einmal fällt der Name Christopher Nolan als Inspiration, der Zeitgeist-Flüsterer, der sich die Nische des intellektuellen Eventfilmers verdient hat. „Ich hätte früher nicht gedacht, dass es mal so schwer wird, mit den geschäftlichen Kräften in Hollywood fertigzuwerden“, sagt Guillermo Del Toro, „doch andererseits ist das nun mal der Punkt in der Evolution des Kinos, an dem wir angekommen sind, mit 3D und Imax. Und da ist es nicht nur Aufgabe, sondern auch Versuchung des Regisseurs, die Leinwand zu füllen wie nie zuvor. Ich meine: Roboter gegen Monster? Wenn das im Sommer nicht ins Kino gehört, dann falle ich vom Glauben gab.“

Text: Roland Huschke

Foto „Pacific Rim“ (oben): 2012 Warner Bros. Entertainment Inc. and Legendary Pictures Funding, LLC

Fotos Lone Ranger“ (mittig und unten): Peter Mountain / Disney Enterprises, Inc. and Jerry Bruckheimer Inc.

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