Diskurs

„Der lange Sommer der Theorie“ im Kino

Ein überaus eigenwilliger, oft grotesker, auch fröhlich feministischer Zettelkasten loser Notizen, der viel zu denken gibt und offene Fragen nicht scheut

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Ein Haus, das bald leer ist. In einem Viertel, das es noch nicht gibt. Baustellenzäune, Kräne, Staub. Hier wächst die Europacity am Hauptbahnhof. Katja (Katja Weilandt), Nora (Julia Zange) und Martina (Martina Schöne-Radunski), berlintypisch prekäre Künstlerinnen, bleiben in ihrer WG noch wenige Tage. Dann wird sich diese WG, wird sich die ganze Hausgemeinschaft, die gern gemeinsam trinkt und debattiert, auflösen. Sich auflösen müssen. „Wir führen ein provisorisches Leben“, sagt Nola, das Zentrum des Films, „die Taschen sind immer gepackt. Wir sind auf dem Sprung“, eines hybriden Spiel-Doku-Films, der, dabei sich um keinerlei Erzählkonventionen scherend, zwischen Thesen und Themen springt. Konsum, Selbstoptimierung, Bindungslosigkeit, Elterngeld, Rechtsruck.

Nola interviewt für einen Film-im-Film Theoretiker wie die Soziologin Jutta Allmendinger, den Damals-noch-Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann mitten in der Castorf-Kathedrale oder auch den Historiker Philipp Felsch, bei dessen 68er-Diskursanalyse „Der lange Sommer der Theorie“ sich Irene von Alberti den Titel borgt, als eine Art Fortsetzung ihres, gemeinsam mit Miriam Dehne und Esther Gronenborn gedrehten Polesch-Episodenfilms „Stadt als Beute“ (2005). „Der lange Sommer…“ ist ein überaus eigenwilliger, oft grotesker, auch fröhlich feministischer Zettelkasten loser Notizen, der viel zu denken gibt und offene Fragen nicht scheut. Wo eben auch schon mal schöne Männer per Fingerschnipsen aus dem Drehbuch fliegen. Und zu Stehlampen werden.

Der lange Sommer der Theorie D 2017, 81 Min., R: Irene von Alberti

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