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„Der Mann, der über Autos sprang“ im Kino

Kann man einen Menschen wie eine Glühbirne ausschalten? Ihn so einfach ins Nichts katapultieren? Und: Was bedeutet dieses Nichts überhaupt? Julian stellt sich diese Fragen aus dem Off, da hat „Der Mann, der über Autos sprang“ noch nicht einmal richtig begonnen. Allenfalls die Sonne macht sich auf den Weg von links nach rechts, illuminiert Natur und Leben, und ein Spielfilm über Lebensfragen beginnt. Zumindest Julian glaubt an die Weiterentwicklung des menschlichen Geistes als höchste Entwicklungsstufe von Energie. Richtig eingesetzt, könnte er selbst Naturgesetze ausknipsen. Daran glaubt der blonde Jungmann mit aller Kraft. Dass bei einem seiner Versuche sein Freund tödlich verunglückte, brachte ihn doch aus dem Tritt. Julian kam in die Psychiatrie.
Doch nun bricht er aus, um von Berlin bis ins schwäbische Tuttlingen zu wandern. Eine Art Bußgang soll das werden, der dem Vater des verstorbenen Freundes beim Überwinden seines Herzinfarktes helfen soll. Irgendwie soll Julians Energie durch Bewegung freigesetzt und zielgerichtet beim Kranken ankommen, so will es seine Versuchsanordnung. Ob was dran ist? Julian, verkörpert durch Robert Stadlober, kann so einiges, was andere nicht können: Gedanken lesen, über glühende Kohlen laufen, Ereignisse vorhersehen. Er kann faszinieren mit seiner Sanftheit, seiner beharrlichen Gewissheit von der Richtigkeit seines Tuns. Und schon bald schließt sich ihm eine Ärztin an, die den Tod einer Patientin nicht verarbeiten kann, dann eine Mutter, überdrüssig ihres Familientrotts.
Selbstfindung durch Pilgerschaft? Dann ist da noch Jan von der Kripo, dem Entflohenen auf der Spur. Das Raubein mit eigenem Rechtsempfinden wird von Martin Feifel so bartstoppelig überzeugend dargestellt, dass sogar seine Ausdünstungen ahnbar werden. Keine Frage: „Der Mann, der über Autos sprang“ des Iren Nick Baker-Monteys verknüpft nicht alltägliche Fragen in einem schlüssigen Drehbuch, das beim diesjährigen Max-Ophüls-Festival abräumte. Sein Roadmovie führt durch kontrastreiche Gegenden, hat Gespür für Situationskomik und psychische Schräglagen. Zweispältiger ist, dass jedes Episödchen glücklich enden muss. Und Robert Stadlober als Landstraßenheiliger mit begrenzter Mimik kann auch nicht restlos überzeugen.

Text: Cristina Moles Kaupp

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Der Mann, der über Autos sprang“ im Kino in Berlin

Der Mann, der über Autos sprang, Deutschland 2010; Regie: Nick Baker-Monteys; Darsteller: Robert Stadlober (Julian), Jessica Schwarz (Ju), Martin Feifel (Jan); 112 Minuten; FSK 6

Kinostart: 9. Juni

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