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Der Nahostkonflikt auf der Berlinale 2010

Unser Blick auf den Nahen Osten ist geprägt vom palästinensisch-israelischen Konflikt: hier ein Selbstmordattentat, dort eine Schutzmauer, hier ein Raketenangriff, dort ein Vergeltungsschlag der Luftwaffe. Doch wie zerrissen die jeweilige Gesellschaft in den Ländern der Kontrahenten selbst ist, zeigen unsere einminütigen Nachrichtenclips in der Regel nicht. Welche sozialen und religiösen Kräfte ringen etwa in Israel miteinander? Und wie sieht das Leben in Gaza aus, wenn ringshe­rum alles kaputt ist?
Zwei Dokumentationen im diesjährigen Forum haben sich dieser Fragen angenommen: In „Aisheen (Still Alive in Gaza)“ widmet sich Regisseur Nicolas Wadimoff in unkommentierten Impressionen dem Alltag der Menschen im Gazastreifen nach den israelischen Angriffen vom Januar 2008. Natürlich zeigen auch seine Bilder zerstörte Häuser und Felder, das Chaos an der ägyptischen Grenze und bei der Lebensmittelausgabe durch die UN. Doch wer weiß schon, dass Gaza auch einen schönen Strand und eine zwei Kilometer breite Fischereizone hat? In der lebt allerdings kaum noch ein Fisch – und fahren die Fischer weiter aufs Meer hinaus, werden sie von israelischen Patrouillen beschossen.
Im Al-Brazil-Zoo von Rafah machen sich die Besucher rar, und das Futter für die Tiere wird knapp. Einer der Affen heißt wie der ehemalige israelische Premier Sharon – weil er so böse und angriffslustig ist. Ein Mann arbeitet hartnäckig an der Reparatur zerstörter Karussells eines Jahrmarktes, und drei Jugendliche auf einer Schaukel reflektieren ganz nüchtern ihre Zukunftsaussichten: Weil sie wegen ständiger Bombenangriffe und demotivierter Lehrer kaum noch zur Schule kommen, könnten sie sich eine Karriere als Arzt oder Ingenieur wohl abschminken. Dann würden sie vermutlich Mujaheddin im Kampf gegen Israel werden.
Aus dem Nachbarland kommt mit „Black Bus“ von Anat Yuta Zuria ein Film, der ebenfalls aus dem Alltag erzählt, vom Konflikt zwischen der säkularisierten Gesellschaft und den ultraorthodoxen Reli­giösen, die in Israel immer mehr an Einfluss gewinnen. Symbol dafür sind Busse, in denen die Frauen nur im hinteren Drittel Platz nehmen dürfen – damit die frommen Männer sie nicht sehen müssen. Die beiden Protagonistinnen Sara und Shulamit haben den zutiefst konservativen religiösen Gemeinschaften, aus denen sie stammen, vor Kurzem den Rücken gekehrt und kämpfen nun dagegen an: Sara mit einem Blog, Shulamit mit ihren Fotos. Neben der Dokumentation ihrer Aktivitäten und Gesprächen mit anderen Betroffenen zeigt „Black Bus“ vor allem die Zerrissenheit der beiden jungen Frauen selbst, die ihre neu gewonnene Freiheit nicht wirklich genießen können, sondern unter dem Abbruch der Beziehungen zu ihrer Familie leiden und schwere Störungen ihres Selbstwertgefühls entwi­ckelt haben. Ihre Fälle und Szenen von Streitgesprächen und Tumulten im Bus offenbaren dabei die Hilflosigkeit der Gesellschaft im Umgang mit religiösen Fanatikern, die Andersdenkende tatsächlich für geisteskrank halten.

Text: Lars Penning

Aisheen (Still Alive in Gaza) (Forum)
16.2., 19.30,
CinemaxX 4
17.2., 17.30, Arsenal 1
18.2., 12.30, Cubix 7
19.2., 21.30, Delphi

Black Bus (Forum)
16.2., 22.45,
Arsenal 1

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