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„Der Name der Leute“ im Kino

Der Name der Leute

Es gibt zweifellos attraktivere Berufe als den eines Experten für Tierseuchen. In dieser Funktion sitzt der sehr rechtschaffene Arthur Martin (Jacques Gamblin) gerade in einem Rundfunkstudio und erklärt, inwiefern ein Entensterben mit der Vogelgrippe zusammenhängt, als die junge Redaktionsaushilfe Bahia Benmahmoud hereinstürmt und ihn lautstark zur Rede stellt. Für sie ist jeder fast schon ein „Fascho“, der unaufgeregt von Tatsachen zu sprechen versucht. Bahia (Sara Forestier) hat sich eine eigenwillige Mission verordnet: Sie geht mit Männern ins Bett, die der politischen Rechten anhängen. Am Ende der Affäre sind sie meistens bekehrt, und sie kann sich ein neues Opfer suchen. Mit Arthur Martin läuft die Sache anders, und davon erzählt Michel Leclerc in der Komödie „Der Name der Leute“. Bahia verliebt sich nämlich in den graumelierten Herren, der so unantastbar scheint, dabei aber nur eine tiefe Lebensunsicherheit verbirgt, die es Bahia erst möglich macht, sich endlich einmal ein wenig zu entspannen. Der erste intime Akt zwischen den beiden besteht darin, dass Martin das freizügige Mädchen anzieht – eine Geste der erotischen Diskretion, die den Übergang von einem Abenteuer zu einer Beziehung schon andeutet.
Der Name der LeuteDass Arthur Jude ist (und darüber am liebsten schweigt), während Bahia offensiv ihre halbalgerische Großfamilie vertritt, verleiht den komischen Verwicklungen in „Der Name der Leute“ ein systematisches und historisches Moment, denn in diesem Außenseiterpaar kann sich nun ein fragmentiertes Gemeinwesen wie das französische perfekt wiedererkennen – mit all den Peinlichkeiten, mit denen Identitäten heutzutage behaftet sind, wo niemand einfach nur er oder sie selber sein kann, sondern immer auch für etwas stehen soll.
Leclerc, der das Drehbuch mit seiner Partnerin Baya Kasmi geschrieben hat, greift auf viele eigene Erfahrungen des Paares zurück, um eine sehr moderne und von linkem Geist beseelte Gesellschaftskomödie zu entwerfen: Identität besteht nämlich nicht darin, wie die Rechten glauben, einheitliche Blöcke zu schaffen, sondern Individualitäten so auszubalancieren, dass Komik an die Stelle von Gewalt tritt.

Text: Bert Rebhandl

Fotos: Michael Crotto

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Der Name der Leute“ im Kino in Berlin

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Regisseur Michel Leclerc

Der Name der Leute (Le nom des gens), Frankreich 2010; Regie: Michel Leclerc; Darsteller: Sara Forestier (Bahia Benmahmoud), Jacques Gamblin (Arthur Martin), Michиle Moretti (Annette Martin); 103 Minuten; FSK 12

Kinostart: 14. April

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