Komödie

„Der Nobelpreisträger“ im Kino

Zurück zu den Wurzeln: Der Nobelpreisträger reist zurück in sein Heimatdorf

Die Wink-Parade mit der örtlichen Kleinstadtkönigin
Foto: Cine Global

Bei Daniel Mantovani (Oscar Martínez) reißen auch fünf Jahre nach dem ­Gewinn des Literaturnobelpreises die Termin­anfragen nicht ab. Die meisten von ihnen erscheinen dem in Spanien lebenden argentinischen Schriftsteller absurd und werden in Bausch und Bogen abgelehnt, so zunächst auch die Offerte seines kleinen ­Heimatortes, ihn bei persönlichem Erscheinen zum Ehren­bürger zu ernennen. Doch schließlich siegt eine sentimentale Anwandlung: Mantovani beschließt, allein in jene argentinische Kleinstadt zu reisen, die er seit 40 Jahren nicht mehr gesehen hat und die doch die ­Inspirationsquelle für all seine ­Romane war. Doch was als nostalgischer Trip in die Jugendzeit gedacht ist, wird im Zusammenprall zweier Parallelwelten schnell zu einer Tortur, bei der eine Wink-Parade mit der örtlichen Schönheitskönigin noch zu den kleineren Übeln zählt.

„Der Nobelpreisträger“ der argentinischen Regisseure Mariano Cohn und Gastón Duprat ist eine durch und durch böse Komödie mit einem eher leisen und hintersinnigen Witz, in dem weder der überhebliche Intellektuelle noch seine unbedarften Gastgeber eine ­besonders gute Figur machen. Den Offiziellen des Ortes geht es bei der Einladung nicht um den Künstler, sondern um seine Berühmtheit, von der sie hoffen, dass etwas davon auch auf ihre kleine Stadt abfällt. Zudem setzen die Provinzler Mantovanis autobiografisch inspirierte Fiktion stets mit der ­Realität gleich: Ständig wird der Schriftsteller von einem Mann mit einer Essenseinladung verfolgt, der glaubt, sein Vater sei in einem der Romane literarisch verewigt worden.

Die reale Welt

So wenig man in der Provinz von Mantovanis Kunst versteht, so wenig begreift der Literat, dass er es hier mit der realen Welt, realen Menschen und ihren alltäglichen Emotionen und Bedürfnissen zu tun hat. Die Sache kulminiert schließlich in einem absurden Malwettbewerb, bei dem Mantovani die eingereichten Scheußlichkeiten von Hobbykünstlern als nicht preiswürdig erachtet. Bei der Preisverleihung sorgt er für einen Eklat.

Mantovani ist ein arrogantes Arschloch, ein inkonsequenter Prinzipienreiter, aber – und das macht den Film besonders interessant – er ist auch die Identifikationsfigur für das kulturell interessierte Publikum, das sich diesen Film ansehen wird. In gewisser Weise halten Cohn und Duprat uns in ihrem inszenatorisch unauffälligen, aber extrem gut geschriebenen Werk also einen Spiegel vor und begeben sich dabei auf ähnliche Spuren wie der chilenische Regisseur Pablo Larraín, der mit seiner absurden Anti-Filmbiografie „Neruda“ einem ganz realen Literaturnobelpreisträger ans Bein pinkelte.

Der fiktive Nobelpreisträger, für dessen Darstellung Oscar Martínez beim Festival in Venedig den Darstellerpreis gewann, begreift in seiner Egomanie auch die Dynamiken ­seiner eigenen sozialen Beziehungen nicht: Dass die Frau, die er vor 40 Jahren in der Provinz hat versauern lassen, ihm auch heute noch nachtrauert, versteht der prollige ­Jugendfreund Mantovanis, der sie schließlich geheiratet hat, deutlich besser als der Schriftsteller. So ist der gemeinsame nächtliche „Jagd“-Ausflug zum Ausklang des Aufenthalts eher als finstere Drohung denn als ­unbeschwertes Vergnügen zu verstehen. Am Ende aber kommt es, wie es kommen muss: Stolz präsentiert der Nobelpreisträger sein neues Buch – natürlich inspiriert von den Erlebnissen bei seiner Reise in die alte ­Heimat.

El ciudadano ilustre (OT) RA/E 2016, 118 Min., R: Mariano Cohn, Gastón Duprat, D: Oscar Martínez, Dady Brieva, Start: 2.11.

Mehr über Cookies erfahren