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„Der Räuber“ im Wettbewerb der Berlinale

Benjamin Heisenberg

tip Herr Heisenberg, Ihr Film basiert wie Martin Prinz’ Roman auf einem authentischen Fall. Wie wichtig war der Abgleich mit der realen Figur des Bankräubers und Marathonläufers Johann Kastenberger, der als „Pumpgun-Ronnie“ in den 1980er Jahren in die österreichische Kriminalgeschichte eingegangen ist?
Benjamin Heisenberg Er wurde immer stärker durch den Prozess des Schreibens und die Recherche, die Begegnungen mit Zeitzeugen, mit Leuten, die ihn getroffen hatten. Damit hat sich dieses Buch-Bild, das ja schon aus Zeitungsberichten und anderen Quellen entstanden war, noch mal in Richtung der realen Person verändert. Der Film verläuft in Teilen anders als das Buch, aber hat sich in anderen Teilen der realen Person noch stärker genähert. Im Kern, im Gefühl und in der Darstellung dieser Person und der eigenen Kräfte, die sie beherrscht haben, geben wir wirklich viel wieder, was diesen Pumpgun-Ronnie bewegt hat. Ich bin gespannt, wie das Zeitzeugen oder Leute, die ihn gekannt haben, wahrnehmen. Aber ich habe das Gefühl, dass da von der realen Person mittlerweile sehr viel drin steckt.

tip Während der Dreharbeiten haben Sie von der Idee gesprochen, „Der Räuber“ wie „eine Tierdoku“ zu filmen. Was war damit gemeint?
Heisenberg Da ging es vor allem um die Bewegung, das Laufen, die Faszination für jemanden, der sich extrem toll bewegt. Egal, ob ich einen Wolf anschaue in einem Tierfilm oder die Marathonläufer bei den Olympischen Sommerspielen – ich bin fasziniert von der Weichheit, der Kraft, der Eleganz der Bewegung. Diese Bewegungsabläufe von Menschen, die ihr Leben lang trainiert haben, sind wunderschön, und ein großer Teil des Spaßes ist deshalb, so jemanden zu beobachten, der seine Sache gut macht und seiner Natur folgt. Der braucht nicht viel, um schnell durch die Welt zu kommen wie ein Gepard. Diese Faszination haben wir bis zu einem gewissen Grad umgesetzt, zum Beispiel in den Fluchtsequenzen und in seinen Marathon­läufen, in denen die Kameraarbeit eine Ähnlichkeit mit der Beobachtung eines Tierfilms hat.

tip Wie kamen Sie zu dem Projekt? Sehen Sie das in einer Linie zu Ihren anderen Arbeiten?
Heisenberg Es ist so, dass ich mich grundsätzlich für Bankraub immer schon interessiert habe. Es gibt einen Kurzfilm, den ich mit einem Freund aus der Kunstakademie gemacht habe, bevor ich Regie studiert habe. Darin geht es um einen Bankräuber, der damals per Fahrrad in München 13 oder 14 Banküberfälle gemacht hatte. Es gab ein Bild von der Abendzeitung, wo man ihn mit Kapuze und einer Sonnenbrille sieht, und darunter stand: „14 Banküberfälle – die Polizei sucht diesen Mann“. Dieses Plakat habe ich mir aus einem Zeitungsständer geklaut und bei mir zu Hause aufgehängt. Das hing da lange, und irgendwann haben wir dann den Kurzfilm gemacht, wo so ein Typ in die Wohnung kommt und nichts mit sich anzufangen weiß, etwas trinkt, einen Porno guckt, ein Glas auf den Boden fallen lässt, herumhängt. Dann zieht er sich einen Kapuzenpulli an, geht aus dem Haus, schlägt die Tür zu, und man sieht das Plakat an der Tür. In dem Moment weiß man, dass er der Bankräuber ist, den wir herumlungern gesehen haben, kurz vor seinem nächsten Überfall. Das war damals‚ 1996, meine erste, sehr sparsame Annäherung an das Genre Bankräuberfilm. Als mir dann 2006 nach meinem ersten Film „Schläfer“ das Projekt von der Geyrhalter Filmproduktion in Wien angeboten wurde, habe ich mich sofort sehr gefreut und zugesagt. Martin Prinz, der Autor des Romans „Der Räuber“ und ich haben den Roman dann schrittweise adaptiert, parallel recherchiert und gemeinsam geschrieben.

tip Vor Ihrem Filmstudium haben Sie in München Bildhauerei studiert, bei Olaf Metzel. Sie haben für Ihre Skulpturen Tiere präpariert, einmal tausende Mäuse. Sehen Sie von da eine Verbindung zu Ihrem Film?
Heisenberg Ich habe mich relativ früh für ausgestopfte Tiere als ein gestalterisches Material interessiert. Zum Beispiel gab es eine Arbeit, die eine ausgestopfte Wildkatze als Basis hatte. Ich habe dann von einem Versuchs­labor in München, in einer absurden Aktion, lauter gefrorene Mäuse in einem Rucksack in der U-Bahn nach Hause gefahren und in meinem Keller sechs Wochen in Formalin eingelegt. Bei der fer­tigen Skulptur überrollen diese präparierten Mäuse die Katze sozusagen von hinten, wie ein böser Traum. Die Arbeit gibt’s leider nur noch als Foto vollständig, weil die Mäuse ihre Haare verloren haben und noch mehr wie die zerfressenen Rachegeister dieser Katze aussahen. Der Keller stinkt heute noch danach. (lacht)  Aber diese lebendige, tote Fabel hat einen sehr spannenden erzählerischen Aspekt gehabt. Es gibt diese Dämonen, die – finde ich – auch viel mit diesem Film zu tun haben.

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