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„Der Räuber“ von Benjamin Heisenberg im Kino

Die Fotografie hat ein Kameramann besorgt, der so etwas wie ein Philosoph des Blicks ist und dessen Präzision im deutschsprachigen Kino derzeit kaum Konkurrenz hat: Reinhold Vorschneiders Erfindungsreichtum setzt nebenbei auch Wien in ein ganz neues, ganz untouristisches Licht. Das historische Wien sei, vor allem in den äußeren Bezirken, „durchsetzt von den Hinterlassenschaften der sechziger und siebziger Jahre“, sagt Heisenberg. Dieses heterogene Wienbild habe ihn interessiert, auch weil es seinem Protagonisten, diesem gebrochenen Cha­rakter, so sehr entspreche.
„Der Räuber“ ist ein Autorenfilm, der zugleich als Thriller funktioniert; Heisenberg entwickelt im Rah­men seiner streng kontrollierten Inszenierung subtil Suspense und Emotion. Der Stil ist trocken, sogar asketisch, das Schauspiel unterkühlt, fast tonlos. Um Irritationen ist Heisenberg aber auch überall bemüht: Einer der ermittelnden Polizisten, tatsächlich ein echter Oberkommissar, spricht in verlangsamtem Wienerisch auf die Freundin des Helden ein, seine Stimme scheint aus einer anderen Welt zu kommen. Der Wechsel der Jahreszeiten, vom Sommer zum Winter hin, definiert die Struktur des Films. Der Schnee tanzt still über dem flüchtigen Langstreckenläufer, der auf einem Lastwagendach unentdeckt die Polizei vorüberziehen lässt. Als Identifikationsfigur taugt dieser Mann nur bedingt, aber er hat, seiner Gewalt zum Trotz, etwas eigentümlich Berühren­des. Das ist Heisenbergs Raskolnikow, gefangen im Fatalis­mus seiner Situation. Bis ans bittere Ende zeich­net der Film diese Flucht auf, bis zum Schlussbild am Pannenstreifen einer Autobahn im Nebel, bei Tag, in einer leeren, seltsam transzendenten Einstellung aus Weiß und Grau.
Es ist Heisenbergs konsequenter Minimalismus – seine wenigen Figu­ren, deren antipsychologische Ge­staltung und seine simple, scheinbar ereignisarme Erzählung –, der dem Film seine immense Kraft verleiht: Im Fragmentarischen und Rätselhaf­ten liegt eine große Freiheit – und die einzige Chance auf Realismus. Man kann die Welt desto genauer erkennen, je weniger einem die Ideo­logen und Märchenerzähler die Sicht darauf verstellen.

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Der Räuber“ im Kino in Berlin 

Der Räuber, Österreich/Deutschland 2009; Regie: Benjamin Heisenberg; Darsteller: Andreas Lust (Johann Rettenberger), Franziska Weisz (Erika), Florian Wotruba (Markus Kreczi); Farbe, 98 Minuten

Kinostart: 4. März

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