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„Der Räuber“ von Benjamin Heisenberg im Kino

Eine Kriminellenkarriere in Wien: Ein wortkarger, eben erst aus der Haft entlassener Mann setzt das Lauftraining fort, das er wie besessen schon im Gefängnis praktiziert hat – und macht sich unverzüglich an die Planung einer Serie von Banküberfällen. Seine Freundin ahnt erst nichts davon, und als sie ihn schließlich zur Rede stellt, prallt sie an seiner Kommunikationsunfähigkeit ab. Benjamin Heisenbergs zweiter Spielfilm „Der Räuber“ ist eine existen­zialistische Erzählung mit absurden Obertönen: Ein Mann raubt drei Banken am Stück aus, knallt daheim das erbeutete Geld nur unters Bett und fasst es nicht mehr an. Es ist schwer zu sagen, was ihn antreibt, aber genau daraus bezieht dieser Film seine Spannung.
Heisenberg geht von einem österreichischen Kriminalfall der späten 80er Jahre aus – von den Banküberfällen des „Pumpgun-Ronnie“, die Martin Prinz 2002 in Romanform bearbeitet hat. Der Film ist keine historische Chronik, er habe aber auch „nicht explizit Heutiges“ einbringen wollen, so der Regisseur. „Der Räuber“ zeichnet in kühlem Stil eine einzige lange Fluchtbewegung nach: Neben kontrollierten Performances von Franziska Weisz als Freundin und Markus Schleinzer als Bewährungshelfer brilliert da vor allem Andreas Lust, dessen leichenblasses, kaum je bewegtes Gesicht der Maske, die er bei seinen Raubzügen trägt, ver­blüf­fend ähnlich sieht. Er ist ein Künstler des knappen Entrinnens, wie ein Tier schlüpft er durch alle Maschen. Noch im Wald, nah am Selbstmord, schafft er es, sich in ein Loch zurückzuziehen und den Polizeitruppen, die das Gelände durchkämmen, zu entgehen. Heisenbergs Räuber ist ein Suchtläufer, ein Marathonmann – und radikal selbstbezogen. Beim Laufen ist er wie hypnotisiert und egomanisch wie einst Burt Lan­caster als Cross-Country-Pool-Schwimmer in Frank Perrys Parabel „The Swimmer“ (1968). So gerät diese Inszenierung auch zu einem Film über Wahn- und Eigensinn, über die destruktive Kraft männlicher Obsessionen. Heisenberg setzt Musik sparsam ein, konzentriert sich auf einen Percussion-Soundtrack, der assoziativ mit Luis Buсuels oft zitierten Ostertrommeln von Ca­landa verbunden scheint. „Der Räuber“ berichtet von Trancezuständen und produziert gleichzeitig welche.

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