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Der Rhythmus des Lebens: Das Afrikamera-Festival im Arsenal

L'AbsenceEine ganze Zeit lang beeindruckte das moderne afrikanische Kino durch langsam erzählte Begebenheiten von starker mythologischer Kraft. Auch halbdokumentarische Alltagsgeschichten waren und sind bis heute häufig Themen in afrikanischen Filmen und ermöglichen vor allem westlichen Zuschauern, einen Einblick jenseits der üblichen Katastrophenmeldungen in das vielfältigen Leben dieses pulsierenden Kontinents zu bekommen. Inzwischen aber scheint sich ein neuer Trend zu manifestieren: Das junge afrikanische Kino wird schneller, amerikanischer – und auch brutaler. So führte der kürzlich von africavenir gezeigte Spielfilm „L‘Absence“ (Guinea/ Frankreich 2009, Regie: Mama Keita, Wiederholung: 15.11., 17.30 Uhr, Kino Hackesche Höfe) in eine senegalesische Metropole Dakar, in der Prostitution und Drogenhandel die maßgeblichen Geschäfte zu sein scheinen und in der Zynismus und Rücksichtslosigkeit regieren. Entfremdet bewegen sich die Hauptpersonen Adama und Aicha durch einen undurchdringlichen Großstadtdschungel, in der selbst der vielgepriesene afrikanische Familiensinn nicht viel mehr ist als eine vage Erinnerung.
Auch „Jerusalema“ von Ralph Ziman (Republik Südafrika 2008), der Eröffnungsfilm des zum zweiten Mal stattfindenden Filmfestivals Afrikamera spielt ganz im Hier und Jetzt afrikanischer Mega-Citys, genauer: in Johannesburg und Soweto. Obwohl der Film Bezug nimmt auf die Befreiung Nelson Mandelas und das Ende der Apartheid erwartet den Zuschauer alles andere als eine beschauliche Reise in eine womöglich nun bessere Gegenwart. Stattdessen, so erlebt es die Hauptfigur Lucky Kunene, ein ambitionierter, schwarzer Junge aus Soweto, der trotz seines Oberschulabschlusses keinerlei Aussicht auf ein einträgliches Berufsleben hat, scheint einzig Skrupellosigkeit gepaart mit krimineller Energie das Überleben zu sichern. Angetrieben von südafrikanischen Hip-Hop- oder Jive-Rhythmen liefern sich Gangster-Rivalen rasante und blutige Verfolgungsjagden, werden ohne Rücksicht auf Verluste Autos gekapert, mit Brachialmethoden Elektronikmärkte geknackt und per Maschinengewehrsalve alles weggemäht, was sich einem in den Weg stellt. Auch die Hautfarbe bietet in diesem modernen Südafrika keinerlei moralische Orientierung zwischen den Guten, den Opfern, und den Bösen, den Tätern mehr. Denn in ihren guten wie schlechten Momenten stehen sich schwarz und weiß in nichts nach.
JerusalemaUS-amerikanische Gangsta- beziehungsweise Hip-Hop-Filme wie „New Jack City“ mit Wesley Snipes, „Boyz N The Hood“ oder „Menace II Society“ haben hier ganz eindeutig nicht nur thematisch, sondern auch stilistisch Pate gestanden: In schnellen Schnitten und stets angetrieben von atemlosen Beats hetzen die Protagonisten hier wie dort durch eine feindlich gesinnte Umwelt.
Vor allem der US-amerikanischer Hip-Hop ist in vielen afrikanischen Ländern auf äußerst fruchtbaren Boden gefallen, scheint er doch wie kaum eine andere Musikrichtung perfekt dazu geeignet, um den durch soziales Elend oder allgegenwärtiger Korruption angestauten Frust adäquaten Ausdruck zu verleihen. So erzählt der Dokumentarfilm „War Child“ (R: Karim Chrobog, USA / Sudan 2008) von dem bedrückenden Lebensweg des Sudanesen Jal, der erst als Kindersoldat zwangsrekrutiert wurde, später fliehen konnte und es dann irgendwann schaffte, seine traumatischen Erfahrungen, aber auch die Sorgen und Nöte der afrikanischen Gegenwart in Hip-Hop-Reime zu fassen. Jal gilt inzwischen als Star und lebt in Kenia.

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