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Dokumentarfilm

Der russische Dokumentarfilmer Victor Kossakovsky beschäftigt sich mit dem Wasser: „Aquarela“

In „Aquarela“ ist nun tatsächlich das Wasser in seinen vielen Gestalten der Star: als Eisberg, als Meer, als Tropfen, als Film (wenn Menschen transpirieren, produzieren sie einen Film)

Neue Visionen

Wer auf das Wasser schaut, begreift sich als Ausnahme. Menschen leben meistens an Land, der weitaus größere Teil des Planeten aber ist mit Wasser bedeckt. Und dann gibt es ja auch noch diesen Umstand, dass wir selbst zum größten Teil aus Wasser bestehen. Das ist dann aber unsichtbares Wasser, und es muss auch regelmäßig nachgefüllt werden.
Der russische Dokumentarfilmer Victor Kossakovsky beschäftigt sich in „Aquarela“ mit dem sichtbaren Wasser. Das passt gut zu seiner Haltung gegenüber der Welt, denn er hat sich auf eine Ästhetik spezialisiert, die überall eine Art Naturtheater vorfindet, zum Beispiel in dem großartigen „¡Vivan las antípodas!, in dem er Punkte auf der Erdkugel aufsuchte, die einander gegenüberliegen.

Filme von Kossakovsky sehen manchmal so aus, als hätte man den Theatermacher Christoph Marthaler, den Spezialisten für das Absurde im Alltäglichsten, mit einer Inszenierung von Allem beauftragt. In einem seiner frühen Meisterwerke „Russland von meinem Fenster aus“ filmte Kossakovsky das Geschehen auf der Straße in St. Petersburg, auf die er von seiner Wohnung aus blickt. Man würde meinen, er hätte heimlich Regie geführt, aber er schwört, dass sich alles zufällig ergeben hat – so wird der Film zu einer Meditation über die Komik aller Bemühungen, das Leben unter Kontrolle zu kriegen.

In „Aquarela“ ist nun tatsächlich das Wasser in seinen vielen Gestalten der Star: als Eisberg, als Meer, als Tropfen, als Film (wenn Menschen transpirieren, produzieren sie einen Film). Kossakovsky war bei einer Ozeanüberquerung dabei, und man kriegt in diesen Szenen eine Idee davon, wie es Greta Thunberg unterwegs ergangen sein könnte. Die Wellen heben und senken sich und lassen das Segelschiff buchstäblich auf der Kippe tanzen. Diesen Szenen wohnt eine enorme filmische Kraft inne, und wenn man „Aquarela“ im Kino sieht, vielleicht sogar auf einer großen Leinwand, dann bekommt man tatsächlich ein Gefühl dafür, wie winzig der Mensch im Kosmos ist.

Eine Welt vor und nach dem Menschen ist für Kossakovsky der Fluchtpunkt für seine Perspektive. Er geht über das Anthropozän hinaus, lässt aber zugleich die Natur immer wieder sehr menschlich wirken, zum Beispiel in einer großartigen Szene, in der das Meer mit ein paar gigantischen Eisbergen Katz und Maus spielt. „Aquarela“ will nichts erklären, sondern erfahrbar machen, was es bedeutet, in einer Welt zu leben, die von diesem zugleich diskreten und erhabenen Element bestimmt wird.

Zu den Bildern hat Kossakovsky einen Soundtrack gewählt, der auf den ersten Blick verblüfft, dann aber bald sehr sinnvoll wirkt: eine Art Metal, eine zermalmende Musik, die aber immer wieder etwas Spielerisches hat. „Aquarela“ ist im weitesten Sinn ein Naturdokumentarfilm, der auf eine eigentümliche Weise zugleich monumental und höchst intim wirkt, und jenseits der reinen Abbildung von Wirklichkeit ein Kunstwerk über eine Welt ist, in der alles fließt, sich aber gelegentlich auch etwas staut.

Aquarela GB/D/DK/USA 2018, 90 Min., R: Victor Kossakovsky, Start: 12.12. 

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