Kino & Stream

Der Schauspieler Mathieu Amalric

Mathieu Amalric

Exzentrischer Ethnopsychoanalytiker („Jimmy P. –Psychotherapie eines Indianers“), Mann jenseits des Nervenzusammenbruchs („De la guerre“), Bond-Schurke („James Bond 007 – Ein Quantum Trost“), Impresario einer New-Burlesque-Truppe („Tournйe“) – Mathieu Amalric ist ein überaus wandelbarer Akteur, doch immer bleibt in seinem Spiel die gleiche Sensibilität spürbar, eine jungenhafte Exzessbereitschaft kombiniert mit leiser Depressivität, in der sich immer wieder auch seine Regisseure wie Desplechin, Bonello oder zuletzt Roman Polanski („Venus im Pelz“) wiederzuerkennen scheinen.
Die Schauspielpreise und der Hollywoodadel können seine zweite Karriere fast übersehen lassen, die mit der ersten immer rivalisierte. Als ihm 1996 Arnaud Desplechin die Hauptrolle in „Ich und meine Liebe“ anbot, der der große Durchbruch für beide wurde, hatte ­Mathieu Amalric schon ein eigenes Filmprojekt im Kopf, das ihn, zehn Jahre nachdem er an der Filmhochschule IDHEC abgelehnt worden war, auch als Regisseur etablierte. 
„Das Langfilmdebüt kreiste, noch mehr als im französischen Autorenfilm sonst üblich, um ihn selbst: „Es wird aufgegessen“ spiegelt deutlich sein eigenes Verhältnis als erwachsener Sohn zur dominanten Mutter wider, im Film wie im Leben Literaturkritikerin für „Le Monde“. Die wendungsreiche Aus­einandersetzung mit seiner Autobiografie drehte er in ihrem Haus, eine tragikomische Durcharbeitung der Familienverhältnisse zwischen gefährlich in die Höhe wachsenden Bücherstapeln.
Der Film macht auch mit einer Akteurin vertraut, die als selbstbewusste Muse (und spätere Mutter zweier gemeinsamer Söhne) auch seine nächste Regie-Arbeit begleitete. Die herbe Jeanne Balibar hatte schon am Drehbuch von „Es wird aufgegessen“ mitgeschrieben und wurde nun zur Hauptakteurin von „Le stade de Wimbledon“, einer Recherche nach einem Schriftsteller ohne publiziertes Werk, gedreht über eineinhalb Jahre, passend zum Lauf der Jahreszeiten. Ihre Trennung  verarbeitete Amalric 2003 unverkennbar in seinem dritten Film, gedreht für den Fernsehkanal arte („Gleichstellung“).
Als Teil einer erst in den Blütejahren der Nouvelle Vague geborenen Generation, zu der neben den Freunden Bonello, Desplechin oder Balibar auch die Regisseurin Pascale ?Ferran („Lady Chatterly“) zählt, versteht es auch Amalric als Regisseur virtuos, Körperlichkeit mit intellektuell überformten Emotionen zu versöhnen. Sein schillernder New-Burlesque-Film „Tournйe“ (ausgezeichnet mit dem Regiepreis in Cannes 2010) war ein Schritt in diese Richtung, nun folgt ein weiteres, gewalttätigeres Experiment in ?der Krimiwelt von Georges Simenon.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Arsenal Filmverleih

Lesen Sie auch die Rezension zu Das blaue Zimmer

 

Mehr über Cookies erfahren