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„Der Schnee am Kilimandscharo“ im Kino

Der Schnee am Kilimandscharo

Für Michel ist es eine Selbstverständlichkeit, dass er einen Zettel auch mit seinem Namen in den Topf tut, aus dem per Losentscheid jene zwanzig Kollegen bestimmt werden, die ihre Arbeit verlieren. Das wäre nicht nötig gewesen, hält ihm sein Kollege, Freund und Schwager Raoul vor, schließlich ist er gewählter Gewerkschaftsvertreter. Doch für Michel ist das eine Geste der Solidarität gegenüber seinen Kollegen. Vielleicht könnte er, nach einem langen Leben als Hafenarbeiter, jetzt ja den überraschenden Vorruhestand sogar genießen, zusammen mit seiner Frau Marie-Claire, etwa für eine Reise nach Afrika, zum Kilimandscharo. Das ist nämlich das Präsent der Freunde zum 30-jährigen Hochzeitsjubiläum des Paares. Im Lied „Les neiges du Kilimandjaro“ von Pascal Danel, 1966 auch in Deutschland ein Hit, sind Sehnsüchte und Erinnerungen gleichermaßen präsent.
„Der Schnee am Kilimandscharo“ ist der siebzehnte Film, den Robert Guйdiguian in drei Jahrzehnten geschrieben und inszeniert hat. Mit seinem Film über den französischen Präsidenten Mitterrand, „Letzte Tage im Elysйe“ (2005 im Wettbewerb der Berlinale), und mit seinem vorletzten, „L’armйe du crime“ (2009), der vom Widerstand einer Gruppe von Einwanderern gegen die Nazi-Okkupation erzählte, hat er sich der Zeitgeschichte zugewandt, aber ansonsten ist das Zentrum seiner Filme L’Estaque, das Hafenviertel von Marseille, und dessen Einwohner. Es sind Alltagsgeschichten wie die von „Marius & Jeanette“ (1997), der die Liebesgeschichte zwischen einer Putzfrau und einem Wachmann erzählte. Das war bislang der einzige Film Guйdiguians, der es in die deutschen Kinos geschafft hat.
Der Schnee am KilimandscharoGuйdiguian ist selber 1953 in L’Estaque geboren. „Meine Mutter war Deutsche und mein Vater Armenier, und beides hat mich geprägt“, antwortet er auf meine Frage. „Aber ich glaube weiterhin daran, dass ich in erster Linie Sohn eines Arbeiters und einer Putzfrau bin, als deren Fürsprecher ich mich empfinde.“
In „Der Schnee am Kilimandscharo“ hält er diese Werte hoch, ist dabei aber nicht blind gegenüber den Realitäten der Gegenwart. Das macht der Film mit einem kühnen Perspektivwechsel deutlich: wenige Tage nach der Feier werden Michel, seine Frau Marie-Claire, ihre Schwester Denise und deren Mann Raoul während eines gemütlichen Abends in ihrem eigenen Haus von zwei maskierten Männern brutal überfallen und ausgeraubt.
Durch einen Zufall kommt Michel auf die Spur des Täters und muss entdecken, dass es sich um Christophe, einen jungen ehemaligen Kollegen handelt, den gleichfalls das Los der Entlassung traf.
Unmittelbar nach dem Raubüberfall folgte der Film Chris­tophe und zeigte ihn in seinem Alltagsleben – als verantwortungsbewussten Mann, der sich allein um seine beiden kleinen Brüder kümmern muss, denn die Mutter hat die Familie im Stich gelassen (nachdem sie ihrerseits von den Vätern ihrer Söhne im Stich gelassen wurde). Als Michel diese Zusammenhänge begreift, bringt er Verständnis auf für Christophe. Doch dabei belässt er es nicht.
„Ich bin mit den Werten einer volksnahen und revolutionären Kultur aufgewachsen“, erläutert der Filmemacher. „Meine Mitmenschen kamen vor allem aus der Arbeiterschicht. Die Brüderlichkeit war groß, die Solidarität war täglich zu spüren, die gegenseitige Hilfsbereitschaft war selbstverständlich. Es gab keinerlei Komplex angesichts der eigenen gesellschaftlichen Klasse, keinerlei Begehren, der Bourgeoisie ähnlich zu sein. Diese Leute arbeiteten hart, aber waren stolz auf das, was sie machten. Diese mittellosen Menschen kämpfen nicht mehr gegeneinander, sondern gegen die Herrschaft, die sie unterdrückt.“
Der Schnee am KilimandscharoDas ist ein Stück Utopie, denn Guйdiguian räumt ein: „Der Solidaritätsgedanke existiert heutzutage eher innerhalb der Familie als in der Gesellschaft im Allgemeinen. Das ist ein Rückschritt, gegen den man kämpfen muss. Wenn man will, dass sich die Dinge ändern, muss man das Bewusstsein, vielmehr einer bestimmten Klasse als einer Familie anzugehören, wiederherstellen.“
Bei all dieser Entschlossenheit hat Guйdiguian keinen verbissenen, plakativen Film gedreht. Er lässt Raum für hübsche, auch selbstironische Details – man achte auf die PIN-Nummern, die Michel und Raoul für ihre Konten haben, oder auf Marie-Claires neues Interesse an bestimmten Getränken. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Guйdiguians Filme Ausdruck einer Filmfamilie sind: Seine drei Stammschauspieler Gйrard Meylan, Jean-Pierre Darroussin (der verständnisvolle Kommissar in Kaurismäkis „Le Havre“ – eine Wahlverwandtschaft) und Ariane Ascaride (Guйdiguians Ehefrau) bilden einmal mehr das Zentrum.
„Gйrard Meylan ist ein Jugendfreund, wir sind im gleichen Viertel aufgewachsen. Ariane Ascaride habe ich an der Universität kennengelernt, Jean-Pierre Darroussin traf ich am Konservatorium von Paris, wohin ihm Ariane gefolgt war. Im Lauf der Zeit haben wir zusammen um die 15 Filme gedreht. In den Filmen erzählen wir die Konfrontation unserer individuellen Geschichten mit der Historie. Wir sind wie eine Theatergruppe, die von Zeit zu Zeit auf der französischen Bühne eingreift.“
Mit „Der Schnee am Kili­mandscharo“ sollte das Kino Robert Guйdiguians endlich auch in Deutschland bekannter werden.

Text: Frank Arnold

Foto: Arsenal Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Der Schnee am Kilimandscharo“ im Kino in Berlin

Der Schnee am Kilimandscharo (Les neiges du kilimandjaro), Frankreich 2011; Regie: Robert Guйdiguian; Darsteller: Ariane Ascaride (Marie-Claire), Jean-Pierre Darroussin (Michel), Gйrard Meylan (Raoul); 107 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 15. März

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