Drama

„Der seidene Faden“ im Kino

Der Hagestolz und die Rotbackige: Nein, dieser Mann darf nicht den Schauspielerberuf aufgeben: Daniel Day-Lewis – und auch Vicky Krieps – brillieren in „Der seidene Faden“ von Star-Regisseur Paul Thomas Anderson als sehr ­unterschiedliches Paar

2017 Focus Features/ LLC/ Laurie Sparham

Morgens beim Frühstück kriegt Reynolds Woodcock leicht die Krise. Seine Freundin klappert mit dem Messer, selbst wenn sie Butter auf den Toast streicht, scheint das einen Höllenlärm zu machen. Und Reynolds braucht Ruhe, schließlich sitzt er schon in dieser frühen Stunde mit dem Zeichenblock am Tisch, und seine ganze Konzentration gilt neuen Entwürfen. Einen Stock höher ­befindet sich sein Atelier, hierher ­kommen die ­Frauen der besten Gesellschaft von ­London und ­gelegentlich auch eine europäi­sche Prinzessin, um sich Kleider anfertigen zu lassen, die 1955 als der Inbegriff von ­Damenmode gelten. Eines sind diese Kleider dabei sicher nicht: chic. Bei diesem Wort, das aus der Zukunft kommt, ereilt Reynolds ein Wutanfall. Aber vielleicht ist er auch nur deswegen so reizbar, weil seine Freundin Alma immer so hörbar frühstückt.

In Paul Thomas Andersons neuem Film „Der seidene Faden“ geht es um eine Idee von Perfektion, die etwas Neurotisches hat. Und es geht um eine Frau, die um ein männliches Genie kämpft, die ein normales Leben und ein lebendiges Liebesverhältnis will, während der Mann sie vor allem als Modell sieht. Nicht nur für seine Kleider, sondern für sein ganzes ­System. Für Daniel Day-Lewis, der nur alle paar Jahre einmal im Kino zu sehen ist, ist dieser Reynolds Woodcock eine Traumrolle – ein nicht mehr junger, aber hochattraktiver Mann, vor allem aber: ein Schwieriger, ein Vertreter einer alten Welt, ein schillernder Charakter mit einer unklaren Sexualität, ein Muttersöhnchen, das mit seiner Schwester (Lesley Manville) ein strenges Regime führt, in dem sich alles nur um Stoffe, Linien und Falten dreht. In diese Welt holt Woodcock die rotbackige Alma, die er ausgerechnet bei einem Frühstück in einem Landgasthaus ­kennenlernt – die luxemburgische Schauspielerin Vicky Krieps kennt man am ehesten aus Anton Corbijns „A Most Wanted Man“ oder aus „Der junge Karl Marx“.

Es hat beinahe etwas von einem Duell, wie ­Daniel Day-Lewis und Vicky Krieps hier zwei höchst unterschiedliche Vorstellungen von Kunst und Liebe untereinander ausmachen – mit Paul Thomas Anderson (der selbst die Kamera geführt hat) als eine Art Ringrichter. Deutlich sind dabei Motive aus dem klassischen Hollywoodkino erkennbar: Man ­könnte an den Junggesellen denken, den Cary Grant in ­„Leoparden küsst man nicht“ ­spielte und der von seinen Saurierskeletten heruntergeholt wird. Vicky Krieps ist keine ­Katharine Hepburn, weil sie einen viel jüngeren Typus repräsentiert, aber die Konstellation ist vergleichbar: Ein Mann muss erlöst werden.

Das mag ein bisschen nach einer selt­samen Geschlechterpolitik klingen, aber hat vor allem damit zu tun, dass Paul Thomas Anderson mit „Der seidene Faden“ in mehr­facher Hinsicht eine Zeitreise unternimmt. Die englische Modewelt der 50er-Jahre erscheint hier als eine letzte Bastion vor der Ankunft der Magazinästhetik und der Popkultur. Reynolds Woodcock, bei dem die ­Filmemacher vor allem an Cristóbal ­Balenciaga gedacht haben, ist in einem ganz grundsätzlichen Sinn altmodisch. Seine Kleider sind so handverlesen, dass er sogar ­intime Botschaften darin einnäht – am liebsten würde er sie gar nicht hergeben, und in einer tollen, tragischen Szene wird auch eine der Kundinnen ihrer Trophäe wieder entblößt.

Der alten Welt der Mode, in der die morgens in Reih und Glied angetretenen, weiß gekleideten Näherinnen ein offensichtliches Gegenbild zum heutigen Outsourcing und globaler Arbeitsteiligkeit darstellen, entspricht eine alte Welt des Kinos. Paul Thomas Anderson hat sich seit „Boogie Nights“ (1997) in Hollywood einen bemerkenswerten Grad an Freiheit erarbeitet – ihm nimmt man eine bekiffte Romanverfilmung wie „Inherent Vice“ (nach Thomas Pynchon) genauso ab wie eine sehr schräge Charakterstudie ( „The Master“). Was dort die explosive Chemie zwischen Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix ausmachte, das ist in „Der seidene Faden“ zuerst einmal ein klassisches Liebesdrama zwischen einem Hagestolz und einer jungen Frau.

Dass eine Frau um ihre Liebe kämpfen muss, war im klassischen Hollywood eine erzählerische Konstante. Es gab sogar ein ­eigenes Genre dafür: Deutlich orientiert sich Paul Thomas Anderson an den Melodramen der 40er- und 50er-Jahre. Eigentlich ist das ein Genre, das man noch stark mit Schwarzweiß assoziiert, doch in der Zeit, in der „Der ­seidene Faden“ spielt, gab es ein paar verwegene Farbfilme. Auch an solchen Pretiosen wie „Pandora and the Flying Dutchman“ misst sich Anderson hier, mit einem Film, der über ­weite Strecken ein Kammerspiel ist und doch zu den ästheti­schen Höhepunkten des neueren Kinos gehört. „Phantom Thread“ lautet der Titel im Original, und darin wird deutlicher, was das eigent­liche Projekt sein könnte: Denn der „unsichtbare ­Faden“, wie man auch übersetzen könnte, verbindet eben nicht nur zwei höchst unterschiedliche Figuren, sondern zwei Epochen. Sie liegen so weit auseinander, dass man nur mit einem kühnen Sprung aus der einen in die andere kommt. In „Der seidene Faden“ gelingt dieser Sprung mit unnachahmlicher Grandezza.

Phantom Thread (OT) USA 2017, 128 Min., R: Paul Thomas Anderson, D: Daniel Day-Lewis, Vicky Krieps, Lesley Manville, Start: 1.2.

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