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Der seltsamste, wunderbarste Film des Jahres: „Tabu“ im Kino

Tabu

Teil zwei von „Tabu“ springt aus der Gegenwart zurück in die portugiesische Kolonialvergangenheit, an einen Ort, der nicht näher definiert ist. Es bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen, welche der Kolonien, die Portugal erst mit der Nelkenrevolution Mitte der 1970er-Jahre aufgab, er imaginieren mag: Angola vielleicht, Guinea-Bissau oder Mosambik. In einer Teeplantage, an den Hängen des fiktiven Mount Tabu, beginnt die Liebesgeschichte zwischen Aurora (jung: Ana Moreira) und Ventura (jung: Carloto Cotta), die aus dem Off von dem alten Ventura erzählt wird.
Dieses Erinnerungsgewebe ist locker und brüchig, es beginnt mit einem filmhistorischen Witz („Sie hatte eine Farm in Afrika“) und führt zu einem Ende, das einer griechischen Tragödie würdig wäre. „Tabu“ ist in dieser zweiten Hälfte ein stummer Film, allerdings betrifft das nur die Dialoge der Figuren. Der Ton ist entkoppelt, Ventura fabriziert mit seiner alten Erzählerstimme die Handlung, während zugleich Naturgeräusche oder zeitgenössische Schlagereinlagen über den Bildern liegen. Das so skizzenhaft entworfene Geschehen bekommt immer größere Prägnanz, wie eine löchrige Erinnerung, die wieder aufblüht. Gomes‘ Film ist dabei nicht historisierend, sondern experimentell, nicht Hommage, sondern eigene, fabrizierte Erinnerung an etwas, das nie da war.
TabuZunächst scheint alles in diesem Leben exzessive Züge zu haben. Aurora fegt wie ein Wirbelwind durch die Bilder der zweiten Hälfte. Auch sie beschäftigen die Neurosen ihrer weißen Freunde mehr als die sich anbahnende Dekolonialisierung. Ihre privaten Dramen bedeuten ihnen alles (so wie uns die eigenen alles bedeuten mögen), und wenn sie einmal Angst vor der Welt ihrer schwarzen Angestellten bekommen, dann wehren sie diese sogleich brutal und irrational ab.
„Tabu“ inszeniert parallel ein Zusammenspiel von Motiven, die zentral in allen Biographien sind. Erzählte Geschichte und erlebte Gegenwart, erinnerndes Selbst und erfahrendes Selbst, die Romane, die man sich selbst und den anderen vom eigenen Leben erzählt, werden in Gomes‘ Film zu den Bezugspunkten, zwischen denen der verzweigte Strom seines Dramas fließt. Welchen Status Venturas Erinnerungen haben, wird dabei nie ganz eindeutig. Mag sein, dass die körnigen Bilder des Films der Realitätsebene der Kolonialwelt entstammen, vielleicht aber auch nur der verklärenden Erinnerung des Erzählers oder der Imagination der beiden Frauen, die seine Zuhörerinnen im synthetischen Dschungel des Altenheim-Cafйs von Lissabon sind.
Dass „Tabu“ seinen Weg in den Wettbewerb der Berlinale nahm, verdankt sich auch einer Freundschaft, die Gomes mit der Regisseurin Maren Ade („Alle Anderen“) am Rande der Filmfestspiele von Buenos Aires knüpfte. Sie hat mit angestoßen, dass „Our Beloved Month of August“ einen deutschen Verleih fand, und hat mit ihrer Produktionsfirma Komplizenfilm „Tabu“ mitproduziert. Auf Gomes‘ Ansinnen, den Film auf Schwarz-Weiß zu drehen, halbstumm und mit einem Krokodil namens Dandy, habe Ade stets enthusiastisch reagiert, ein Umstand, den Gomes schon vor der Berlinalepremiere sehr gewürdigt hatte: „Für einen erwachsenen deutschen Produzenten war es nicht sehr weise, einen Film von mir zu produzieren. Mein letzter Film wurde unter anderem dafür bekannt, dass ich nicht genug Geld hatte, um ihn wie vorgesehen zu machen, und dass ich also improvisiert habe. Nicht alles an meinen Filmen und vielleicht auch an mir ist beruhigend.“ Nur das melancholische Krokodil weiß, wie wahr das wirklich ist.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Real Fiction Filmverleih

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Tabu“ im Kino in Berlin

Tabu, Portugal/Deutschland/Brasilien/Frankreich 2012; Regie: Miguel Gomes; Darsteller: Teresa Madruga (Pilar), Laura Soveral (Aurora, alt), Ana Moreira (Aurora, jung); 118 Minuten; FSK 0

Kinostart: 20. Dezember

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