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Der seltsamste, wunderbarste Film des Jahres: „Tabu“ im Kino

Tabu

Eine melancholische Kreatur streift durch die Savanne. Es ist ein Kolonialist früher Stunde, ein Forscher mit traurig hängenden Schultern, der stumm seinen schwarzen Trägern vorangeht. Das afrikanische Neuland durchstreift er nicht aus Wissbegierde, nicht um heilige Fetische aus den Hütten zu rauben für die Museen des alten Europas, auch nicht aus Eroberungslust. Er will ans Ende der Welt, bloß denkbar weit weg von jenem Ort in der portugiesischen Heimat, wo seine Geliebte in die Erde gesunken ist. Noch als Phantom erscheint sie ihm zwischen den Bäumen des Urwaldes, mit einer Botschaft, die nicht tröstet: „Welche Entfernungen du auch zurücklegst und wie viele Tage auch vergehen, deinem Herzen kannst du nicht entfliehen“, sagt der Geist der Geliebten. Wenig später springt unser Forscher ins Wasser, um sich von einem Krokodil verschlingen zu lassen. Sein Ende ist das nicht. Ein Bild zeigt noch die Gestalt der Frau an der Seite des Reptils, das mit der Seele des Forschers auch seine Melancholie in sich aufgesogen hat.
Das ist der Prolog zu „Tabu“, einem der bezauberndsten und experimentierfreudigsten Filme dieses Kinojahres. Das schwarz-weiße Stummfilmfragment (mit Toneinsprengseln) markiert den Eintritt in jene Zwischenwelt, in der Miguel Gomes‘ Filme spielen. Auch das Krokodil wird später im Film noch einen Auftritt als Liebesbote haben – und möglicherweise findet sich ein Verwandter des melancholischen Reptils auch unter dem Plastikblätterdach des Mikro-Dschungels in Lissabon, unter dem der alte Erzähler Ventura die Geschichte von „Tabu“ ausbreitet.
Tabu„Tabu“ erzählt in seinem ersten Gegenwarts-Kapitel von Pilar (Teresa Madruga), einer Endfünfzigerin, die sich in Kirchenvereinen und NGOs ebenso engagiert wie in ihrem nachbarschaftlichen Umfeld. Pilars Aufmerksamkeit gehört in diesen Tagen ihrer Nachbarin Aurora (Laura Soveral), die mit ihrer capverdischen Haushälterin Santa (Isabel Cardoso) die Reste eines kolonialen Lebensstils pflegt, auch wenn sie inzwischen komplett verarmt ist. Ihre Ausflüge ins Casino von Estoril begründet Aurora mit Träumen von haarigen Affen. Danach ist der Kühlschrank für Wochen leer. Aurora ist eine Frau mit Geheimnissen, die „Tabu“ mit unglaublichem Einfallsreichtum enthüllen wird. 
Gomes hat im Zusammenhang mit „Tabu“ von seiner Liebe zum Klassikerregisseur Friedrich Wilhelm Murnau (1888-1931) gesprochen, von dem er sich den Filmtitel und die Kapitelüberschriften geliehen hat: Während das Kino der Gegenwart die Handlungsmotive seiner Figuren in der Psychologie oder der halbwegs realistischen Herleitung von Bedingungen ihrer Aktionen suchen würde, so Gomes, habe er sich bei Murnau für ein anderes Modell mit klaren Oppositionen begeistert. „In ‚Tabu'“, sagt der Regisseur, „ist es die Zeit der Jugend und die des hohen Alters, der koloniale Augenblick, politisch und sozial, und die postkoloniale Gesellschaft. Die Zeit der Einsamkeit und die Zeit der Liebe, mit romantischen Krokodilen. Ich wollte diese zwei Teile kollidieren lassen. Hier in ‚Tabu‘ ging es um eine Opposition wie in Murnaus Filmen. Licht und Schatten wie in seinem ‚Nosferatu‘, Land und Stadt wie in ‚Sunrise‘. Etwas Romaneskes, Exzessives im zweiten Teil und im ersten Teil der Kater – aber man versteht da noch nicht, woher dieser Hangover herkommt. Ich mag es, Regeln zu erfinden – etwa für die erste Hälfte des Films – und dann ein zweites Set von Regeln für die andere. Und dann zu sehen, wie die beiden Hälften miteinander reagieren.“

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