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„Der Sommer mit Mama“ im Kino

Du gehörst doch praktisch zur Familie“, sagt Doсa Bбrbara einmal zu ihrer treuen Haushälterin Val. „Praktisch“ heißt in diesem Fall aber nur „fast“ und wo die Beinahe-Familienzugehörigkeit endet und das Gefälle zwischen Herrschaft und Domestike beginnt, das wird in „Der Sommer mit Mama“ von Anna Muylaert vermessen, ja regelrecht kartografiert.
Val ist der gute Geist des weitläufigen, modernistischen Anwesens in einem der Reichenviertel von Sгo Paulo; von ihrem beengten Zimmerchen aus sorgt sie für den reibungslosen Ablauf des Alltags „ihrer“ Familie und wie eine Mutter kümmert sie sich um Fabinho, Doсa Bбrbaras inzwischen fast erwachsenen Sohn. Ihre eigene Tochter Jйssica, die sie in der weit entfernten Heimat Pernambuco zurückgelassen hat, hat Val dagegen schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Als Jйssica nun zu Besuch kommt, um sich an der Uni zu bewerben, gerät Val nicht nur vor Freude aus dem Häuschen, sondern auch das hierarchische Gefüge im Haus gehörig ins Wanken. Die junge Frau nämlich ist nicht willens, sich einer Struktur zu unterwerfen, die die brasilianische Gesellschaft zwar seit der Kolonialzeit prägt, die aufgrund des sich allmählich vollziehenden sozialpolitischen Fortschritts aber auch zunehmend unter Druck gerät.
Unbekümmert und zu Vals Entsetzen verschiebt Jйssica die Grenzsteine Kühlschrank, Pool, Küche und Wohnzimmer; dabei erlangt die Frage, wer welches Eis essen darf, klassenkämpferisches Potenzial, und der Umstand, dass sich die Tochter der Haushälterin kurzerhand im Gästezimmer einquartiert, wirkt regelrecht revolutionär.
Muylaert, die in ihrem Drehbuch eigene Erfahrungen als Mutter wie als Angehörige der Oberschicht verarbeitet, fächert in „Der Sommer mit Mama“ ein vielfach gegliedertes Konfliktfeld auf, in dessen Zentrum die von der Mutter an eine andere Frau weitergereichte Fürsorge für das eigene Kind steht. Anhand der daraus sich entwickelnden Auseinandersetzungen zeigt Muylaert nicht nur eine von zahlreichen Regeln zerklüftete Klassengesellschaft, sie macht auch sichtbar, welche Verheerung diese Zerklüftungen in den Herzen von Eltern wie Kindern nach sich ziehen. In ihrer Stoßrichtung ist diese Geschichte durchaus ernst und bitter, doch sie ist nie bleischwer und weder ideologisch noch propagandistisch aufdringlich in Szene gesetzt.  
Vielmehr bleibt die Stimmung des Films grundsätzlich heiter und nicht selten wird es sogar richtig lustig, wenn Val mal wieder in komischer Verzweiflung über die Frechheit der Jugend die Hände ringt, Doсa Bбrbara sich beleidigt an zerbröselnde Privilegien klammert oder Familienoberhaupt Don Carlos im von Normverstößen zerwühlten Gelände völlig die Orientierung verliert.
Bei der diesjährigen Berlinale gewann „Der Sommer mit Mama“ den Panorama Publikumspreis. Nicht zuletzt wohl wegen der Leistung von Regina Casй, die in der Rolle der patenten Val eine immens unterhaltsame Lektion in Spielfreude erteilt. An ihrer Seite glänzt als selbstbewusst-bockige Jйssica Nachwuchstalent Camila Mбrdila. Zusammen sind die beiden unschlagbar und die Herrschaften in den Villen sollten sich vor ihnen in Acht nehmen.

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Text: Alexandra Seitz

Foto: Aline Arruda/ GullaneFilmes

Orte und Zeiten: Der Sommer mit Mama

Que horas ela volta? BR 2015; R: Anna Muylaert; D: Regina Casй (Val), Michel Joelsas (Fabinho), Camila Mбrdila (Jйssica); 110 Min.

Kinostart: Do, 20. August 2015

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