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Der Streit ums Kino Babylon

Babylon

Am Freitag, den 27. November 2015 hatte die Neue Babylon Berlin GmbH, Betreiberin des traditionsreichen Kinos am Rosa-Luxemburg-Platz, für 9 Uhr 30 zu einer Gesellschafterversammlung geladen. Erwartet wurden zwei Herren, die Gesellschafter Timothy Grossman (dem 51 Prozent der Anteile gehören) und Tobias Hackel (49 Prozent). Auf der Tagesordnung stand nur ein Punkt: die Abberufung von Tobias Hackel als Geschäftsführer. Dieser wiederum wollte die Tagesordnung um einen Punkt erweitern: Hackel beantragte die Abberufung von Timothy Grossman. Um diesen Punkt auf die Tagesordnung zu setzen, hätte es allerdings einer mehrheitlichen Zustimmung bedurft, wogegen sprach, dass Grossman die Mehrheit in dieser Gesellschafterversammlung innehatte. Sie endete also wenig überraschend mit der Abberufung von Tobias Hackel.
Das ist ein vorläufiger Schlusspunkt in einer Auseinandersetzung um eines der wichtigsten Kinos von Berlin, die zuletzt zunehmend Züge einer Groteske angenommen hatte. Den Höhepunkt bildete eine von Grossman vorgenommene Fassadenintervention im Oktober, als er – in Anspielung auf Boykott-Plakate während der NS-Zeit – plakatieren ließ: „Deutsche wehrt euch! Kauft nicht im Babylon!“ 
Er reagierte damit auf einen hartnäckigen Arbeitskampf, den Teile der Belegschaft gegen die Neue Babylon Berlin, de facto aber wohl gegen ihn als den maßgeblichen Geschäftsführer, austragen. Dabei waren wohl auch immer wieder Kinobesucher dazu aufgefordert worden, das Haus zu meiden.
BabylonGrossman, er ist Jude, deutete dies offensichtlich als antisemitisch. Nun wirft ihm die Gegenseite vor, seine „Ironie“ bewusst missverstehend, dass er das Babylon in den Verdacht des Antisemitismus gebracht habe.
Doch wer ist eigentlich die Gegenseite in diesem von, wie es scheint, großen persönlichen Zerwürfnissen geprägten Konflikt? Die Versuche des tip, mit Tobias Hackel zu sprechen, erweisen sich als vergeblich. Stattdessen meldet sich ein Kollege aus dem Haus, der ausdrücklich darauf besteht, dass sein Name nicht genannt werden darf, und der im Namen von Hackel spricht. Der Minderheitengesellschafter sei derzeit nicht in der Lage, sich zu äußern. So kann Hackel auch nicht persönlich erklären, warum er am 11. November einen Antrag auf Insolvenz der Neuen Babylon Berlin GmbH gestellt hat – über diesen Antrag muss nun bei Gericht entschieden werden.
Timothy Grossman hat seinerseits durch Anwälte erklären lassen, dass die Voraussetzungen für eine Insolvenz nicht gegeben seien, schießt allerdings aus eigenen Mitteln einen Kredit über 50.000 Euro zu. Auch er weigert sich, mit dem tip zu sprechen, lässt sich schriftlich Fragen zuschicken und beantwortet dann nur die weniger heiklen.
Man muss gut zehn Jahre zurückgehen, um die Ursprünge des Konfliktes zu verstehen. Das Babylon Mitte besteht ja in erster Linie aus diesem traditionsreichen und einmaligen Saal, zu dem auch eine Kinoorgel gehört. Es gab nach der Wende viele gute Gründe, dieses Kino zu erhalten. 2004 ging allerdings eine Gruppe, die es davor als kommunales Kino geführt hatte, in Konkurs.
Daraufhin wurde neu ausgeschrieben, und Grossman und Hackel, bekannt aus dem Balazs in der Karl-Liebknecht-Straße, bekamen, damals noch ein einträchtiges Team, den Zuschlag für ein Mischkonzept. Dieses sah vor, dass das Programm zu 51 Prozent den Kriterien eines kommunalen Kinos entsprechen sollte, der Rest konnte kommerziell gestaltet werden. Dafür gab es vom Land Berlin jährlich 320.000 Euro an Zuwendungen, die inzwischen auf rund 360.000 angestiegen sind. Ein sehr großer Teil davon geht in die Miete, sodass das Babylon im Grunde von Beginn an sein Programm selber finanzieren musste.
BabylonDas gelang lange Zeit ganz gut. Das Programm expandierte, die Sorgfalt hielt dabei nicht immer mit. Auch der tip kritisierte, dass das Babylon sich mit großen Retrospektiven wie eine Kinemathek geriert, sich dabei aber um das diffizile Handwerk von Kopienbeschaffung und akkurater Projektion kaum gekümmert habe. Offensichtlich litt in diesen Jahren zunehmend das Betriebsklima, wozu der persönliche Stil der Beteiligten beitrug, aber auch das Engagement der anarchosyndikalistischen Kleingewerkschaft FAU.
Nun ist die Sache eskaliert, und das Gericht muss entscheiden, wie es mit dem Babylon weitergehen soll. Aus der Senatskulturverwaltung ist wenig mehr zu hören, als dass man an Beschlüsse des Abgeordnetenhauses gebunden sei. Die „zuwendungsrechtlichen Voraussetzungen“ seien gegeben, eine inhaltliche Positionierung, ob man mit der Politik des Babylon im Kontext der Berliner Kinolandschaft zufrieden sei, will niemand vornehmen.
Dabei wäre es doch längst an der Zeit, den Beschluss von 2004 zu evaluieren. Dieser stammt schließlich aus einer Phase mit höchst angespannten Haushaltslagen und spiegelt diese deutlich wider: Das Mischkonzept für das Babylon hat dazu geführt, dass das Alleinstellungsmerkmal des Hauses, der große Saal, eigentlich unter Wert geschlagen wird. Der größte Teil des Programms findet in kleinen, wenig adäquaten Sälen statt, die zudem vielen engagierten, kleinen Betreibern in der Stadt Konkurrenz machen.
Ein zeitgemäßes Konzept für das Babylon müsste in erster Linie danach trachten, den besonderen Gegebenheiten zu entsprechen: Eine rein kommunale Nutzung des Hauptsaals mit einem Programm, das heutigen kuratorischen Standards genügt, wäre deutlich überzeugender. Von einer Neuausschreibung will in der Kulturverwaltung aber niemand etwas wissen. Das könnte sich allerdings ändern, wenn die Neue Babylon Berlin GmbH weiterhin die Gerichte beschäftigt.

Text: Bert Rebhandl

Foto oben: David von Becker

Foto mittig: Anders Mohlin / Flickr

Foto unten: Triebkraft / Wikimedia Commons

Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, Mitte

www.babylonberlin.de

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