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Der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul

Apichatpong WeerasethakulEine Wiese, nachts, in einer thailändischen Traumlandschaft. Zehn junge Männer machen sich bereit, Fußball zu spielen. Kaum zu sehen sind sie anfänglich, nur eine Leinwand und eine einsame Straßenlaterne erleuchten notdürftig das nachtschwarze Bild, durch das gleich ein benzingetränkter, feurig lodernder Ball ziehen wird. Wenn er mit Kraft über die Wiese getreten wird, beginnt er im Luftzug fast weiß zu glühen, bald wird er auch die Leinwand in Flammen setzen, auf der parallel ein Blitzgewitter zu sehen ist. Man weiß nicht recht, ob diese Feuerstrahlen vom Himmel auf die Erde fahren oder umgekehrt. „Phantoms of Nabua“ heißt der kurze Film von Apichatpong Weerasethakul. Er ist Teil einer größeren Weerasethakul-Installation, die zurzeit im Haus der Kunst in München zu sehen ist – ein vollendeter Botschafter seines Kinos: Inszenierung und Dokumentation, ästhetische Konstruktion und sinn­liche Präsenz, ausgelassenes Spiel und planerischer Ernst rü­cken darin so eng aneinander, dass die Grenze zwischen ihnen in Flammen aufzugehen scheint: Quelle des Lichts, das von der Kinoleinwand kommt.
Nur einer von Weerasethakuls Filmen, „Tropical Malady“ (Sud pralad), mit dem er 2004 den Jury-­Preis des Cannes-Festivals gewann, ist in Berlin regulär ins Kino gekommen. Seine Arbeit zu finanzieren ist von Projekt zu Projekt ein Kunststück. Weerasethakul ist international mit der höchs­ten Kritikeranerkennung bedacht – und marginal zugleich, das ist eine prekäre, aber auch schöne Position: Vom Rand kann man in andere Richtungen blicken als nur ins Zentrum.
Eine vollständige Retrospektive zeigt nun, nach ihrer ersten Station im Österreichischen Filmmuseum (das dazu auch eine umfassende Monografie herausgebracht hat), seine vielen kurzen und wenigen langen Filme im Kino Arsenal, der Regisseur selbst ist an den Eröffnungstagen zu Gast. Einmalige Gelegenheit, Weerasethakuls vielfältige Filmwelt in Gänze zu entdecken, in der sich Vergangenheit und Präsenz durchdringen, Stadt- und Landbilder, Gegenwartsgeschichten und Mythen, Meditation und Irrwitz. Sein Universum ist buddhistisch inspiriert, bevölkert von Erinnerungen und Wiedergängern, aber zugleich in den modernen Kunstdiskursen zu Hause, es ist realistisch und surrealistisch, auch wenn Weerasethakul mindestens das Letztere nicht gelten lässt: „In Thailand ist die Realität so.“
Weerasethakul hat in seiner Heimat Architektur studiert, bevor er sich aus eigentlicher Liebe zum Kino für ein Studium am Chicago Art Institute einschrieb, das ihn erst einmal intensiv mit dem Avantgardekino konfrontierte. Das war die entscheidende, prägende Begegnung – mit einem Kino der ersten Person, das reiner, persönlicher und kompromissloser künstlerischer Ausdruck ist und das Medium zugleich in jedem seiner Aspekte befragt.

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 08/09 auf den Seiten 36/37.

Text: Robert Weixlbaumer
 
Tropical Mysteries, Luminous People – Die Filme von Apichatpong Weerasethakul, Kino Arsenal; Mi 1. bis Mi 15. April; Eröffnung am 1. und 2. April in Anwesenheit von Apichatpong Weerasethakul; Termine siehe Tagesprogramm.

Zur Retrospektive erscheint in der Wiener Reihe FilmmuseumSynemaPublikationen die erste große Monografie (in englischer Sprache): „Apichatpong Weerasethakul“, hrsg. von James Quandt; Texte u.a. von Tilda Swinton, Tony Rayns und Apichatpong Weerasethakul,
258 Seiten, 20 Euro

Aktuelle Bildertagebücher und mehr zu Weerasethakul auf seiner Website: www.kickthemachine.com

Phantoms of Nabua ist auch auf der Website von Animate Projects zu sehen: www.animateprojects.org

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