Literaturverfilmung

„Der Trafikant“ im Kino

Die Verschiebung der körperlichen Spannung: Johannes Krisch ist „Der Trafikant“ in der Verfilmung des Bestsellers von Robert Seethaler

Petro Domenigg/ TOBIS Film

Eine Trafik ist ein kleiner Laden, in dem vor allem Rauch­waren, aber auch Zeitschriften und Fahrkarten verkauft werden – eine österreichische Instanz (wie das Wiener Caféhaus), die aus jenen Zeiten kommt, als es im Nachbarland noch ein staatliches Tabakmonopol gab. Mit ihr ist Titeldarsteller ­Johannes Krisch gut vertraut, schließlich ist er leidenschaftlicher Raucher und insofern Trafik-Stammkunde.

Für Krisch war die körperliche Haltung der Figur zentral: „Die Trafiken in Wien wurden an Kriegsversehrte vergeben. Was die körperliche Haltung anbelangt, ist die schon durch die Einbeinigkeit und die Krücken sehr vorgegeben. Dadurch entsteht eine andere körperliche Spannung. Diese Verschiebung der körperlichen Spannung hat mir schon sehr geholfen, sie ist auch ein Symbol der Unbeugsamkeit für diesen Otto Trsnjek, der im Ersten Weltkrieg sein Bein verloren hat und sich auch durchaus als Fels in der Brandung sieht. Insofern ist die Körperlichkeit auch ein Ausdruck seiner Stärke, die er in sich trägt.“

1937 steht der Einmarsch Hitlers zwar noch bevor, aber rechte Tendenzen nehmen zu. Der neue Lehrling von Trsnjek, der 17-jährige Franz, wird von seiner alleinerziehenden Mutter aus der Provinz in die Großstadt Wien geschickt. In der Trafik trifft er Sigmund Freud, der immer noch als Psychotherapeut praktiziert. Wird ihm der große Gelehrte bei seiner unglücklichen Liebe zu der etwas älteren Anezka weiterhelfen können, die in sexuellen Dingen ungleich erfahrener ist als er selber?

Mit dem Kunstgriff der Begegnung einer fiktiven Figur mit einer Person der Zeitgeschichte gelang dem Roman ein origineller Zugang zu der klassischen Erzählung vom Erwachsenwerden, die hier eng mit den Zeitumständen verknüpft wird. Aus der Perspektive des Jungen geschildert, mit eindrucksvollen Traumsequenzen, die immer wieder das Motiv des Wassers aufgreifen, wird die Großstadt zum Ort, die Franz’ Entwicklung rasant beschleunigt – mit zwei Ersatzvätern, Freud und dem Trafikanten, als Stützpfeilern. Auch wenn Bruno Ganz als Freud die „Star-Rolle“ hat, ist es Krisch, der das ruhende Zentrum des Films verkörpert.
Der 52-Jährige, der sein Kinodebüt 1988 in Reinhard Hauffs „Linie 1“ gab, ist ein vielbeschäftigter Mann. Allein in den letzten Wochen war er mehrfach im Fernsehen zu sehen: im Wiener „Tatort“ „Her mit der Marie!“, im Fernsehfilm „Die Angst in meinem Kopf“ oder der neuen ZDF-Serie „Die Protokollantin“.

Und trotz eindrücklicher Auftritte als Jack Unterweger in „Jack“ oder als hassenswerter Anwalt in Fatih Akins „Aus dem Nichts“ ist er weiterhin Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters, seit 2017 mit dem Berufstitel Kammerschauspieler. „Ich habe früher sehr bewusst viel Theater gespielt, weil es mich fasziniert hat und immer noch fasziniert, vor Publikum zu spielen und ich auch den Kontakt um Publikum brauche. Aber jetzt bin ich im fortgeschrittenen Alter und eher soweit, dass ich klein und diffizil vor der Kamera arbeite, weil es eine ganz andere Arbeit ist, die ich sehr genieße. Ich versuche schon, die Waage zu halten zwischen Theater und Film, aber zur Zeit macht mir der Film mehr Spaß.“

Der Trafikant D/A 2018, 113 Min., R: Nikolaus Leytner, D: Simon Morzé, Bruno Ganz, Johannes Krisch, Emma Drogunova, Start: 1.11.
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