Kino & Stream

Der Überraschungshit Eldorado

EldoradoDass dieser Film ein Roadmovie der besonderen Art ist, sieht man gleich im Vorspann. Da sitzt ein Clochard mitten in Belgien auf einer grünen Wiese und beschwört uns auf Flämisch, er sei der reinkarnierte Messias, der sich aber diesmal nicht wieder kreuzigen lasse. Dann geht es übergangslos weiter zu einem dicken Typen mit wirren Haaren in Shorts und Schnürstiefeln namens Yvan (Regisseur und Hauptdarsteller Bouli Lanners), der vergeblich versucht, mit einem langen Auspuffrohr einen Einbrecher unter seinem Bett hervorzuholen. Der Eindringling will partout nicht aus seinem Versteck kommen und droht, Yvan mit einem Messer abzustechen. Es entwickelt sich ein völlig absurder Dialog zwischen den beiden, bis Yvan schließlich in einem Sessel vor seinem Bett einschläft. Am nächs­ten Morgen kriecht endlich ein magerer, kraftloser Junkie namens Elie (Fabrice Adde) hervor, der Yvan auch noch wehleidig um Geld anbettelt, um zu seinen Eltern fahren zu können.

Und schon sitzen die beiden in einem blauen Chevrolet, das Roadmovie nimmt Fahrt auf. Untermalt von einem hervorragenden, nostalgischen Blues- und Rock-Soundtrack der Milkshakes, Jessie Sykes und Originalkompositionen einiger Stars der wallonischen Musikszene geht es durch ein Belgien, das mit seinen Cinemascope-Bildern an Wim Wenders’ „Paris Texas“ erinnert – eine Reise zweier einsamer Loser auf der unausgesprochenen Suche nach menschlicher Wärme, hin und her gerissen zwischen der Angst vor dem anderen und der Angst vor der Einsamkeit. Und eigentlich passiert auch gar nicht viel, außer einer Reihe zufälliger, höchst surrealistischer Begegnungen.
Aber diesmal bietet sich das triste, platte und rüde Land als grüne, weite Landschaft dar, ohne die üblichen gedeckten Grautöne, die sonst das marode Ambiente der sozialkritischen Filme aus dem französischsprachigen Belgien widerspiegeln. Hier, in Bouli Lanners Wallonien, wölbt sich ein gewaltiger, hoher Himmel über den flachen Feldern und Weiden, die von leeren, schier endlosen, wie mit dem Lineal gezogenen Landstraßen durchschnitten sind; er lässt die Menschen noch kleiner und einsamer erscheinen – eine Landschaft ohne Relief, die eher bildhafte Assoziationen an den weiten amerikanischen Westen als an das kleine Belgien aufkommen lässt. Doch selbst in „Eldorado“ führen die Straßen irgendwann wieder aus den Wäldern und Feldern zurück in die Realität und lassen den ökonomischen Niedergang dieser Landstriche mit ihren entleerten Dörfern und brachliegenden Industrielandschaften erahnen. Und auch die inneren Verletzungen der beiden ungleichen Gefährten treten langsam zutage. So mischt sich am Ende der Reise ein diffuses Gefühl von Verlust und Trauer in die melancholische Leichtigkeit.

EldoradoUnd was hat das alles nun mit dem sagenumwobenen Goldland Eldorado zu tun? Eigentlich gar nichts. Der Titel des Films bezog sich ursprünglich auf den legendären Cadillac Eldorado, den Lanners für seinen Film vorgesehen hatte. Den, so erzählt er, habe er dann aber doch nicht gekriegt, sondern stattdessen einen Chevrolet Caprice. Aber da hatte er sich schon an dem so schön nach Gold und Wes­tern klingenden Titel festgebissen. Letztendlich, so der Regisseur, könne Eldorado ja auch für das verlorene Paradies stehen, das seine beiden Anti-Helden auf ihrem Trip zu suchen scheinen.
Für den Filmemacher scheint dieses Paradies jedenfalls ohne jeden Zweifel im imaginären Far West der amerikanischen Roadmovies und Western zu liegen, für die er schon immer ein großes Faible gehabt habe. „Ich wollte einen Film machen, der nach Landstraße riecht, nach alten Socken, offenen Bierflaschen, kalten Aschenbechern und alten Cowboys“, so Lanners, „ein echtes Road­movie eben, mit einer linear konstruierten Story und zwei Typen, die von A nach B fahren.“

Als „Eldorado“ letztes Jahr in Cannes seine Uraufführung in der Sektion Quinzaine feierte, konnte man Bouli Lanners ohne Schwierigkeiten sofort identifizieren. Da bewegte er sich nämlich in ähnlichem Outfit durch das glamouröse Festival wie in seinem Film: mit knielangen Shorts, Schnürstiefeln und seinem extravaganten Haarschnitt, der aussieht, als hätte er selbst die Schere angelegt – ein Look, der die befrackten Türsteher am Eingang des Festivalpalastes sicherlich hat erstarren lassen. Was Lanners, der in Lüttich auf einem Hausboot lebt und mit einigen Freunden das alternative Festival de Kanne gegründet hat, bestimmt amüsiert haben muss. Bei so viel äußerlicher Ähnlichkeit liegt natürlich die Frage nahe, ob er sich auch sonst mit seiner Rolle identifiziert hat.
„In gewisser Weise schon“, sagt Bouli Lanners und erzählt eine Geschichte, die gewisse Parallelen zur Überfallszene im Film hat. „Als ich eines Abends nach Hause komme, sehe ich einen Typen aus meinem Hausboot rauskommen mit meinem Fotoapparat um den Hals. Als er mich sieht, droht er mir mit seinem Freund, der mich abstechen würde, wenn ich aufs Boot käme. Ich bin dann schließlich doch mit ihm reingegangen, ich hatte eine Eisenstange in der Hand und der andere ein richtiges Schlachtermesser. Der zweite Typ hatte sich irgendwo versteckt. Wir haben dann ein paar Stunden diskutiert, aber ich habe nicht die Polizei gerufen. Ich habe sie dann später mal in der Stadt getroffen, und wir haben ein Bier zusammen getrunken. Aber dann sind sie eines Tages wiedergekommen und haben mir alles geklaut, nur das Messer haben sie dagelassen, sozusagen als Unterschrift.“

EldoradoDie drei Preise, die Bouli Lanners für „Eldorado“ aus Cannes mit nach Hause nehmen konnte (unter anderem den Preis der Internationalen Filmkritik), haben den Film enorm gepuscht, und nach dem riesigen Erfolg im Heimatland wurde er als offizieller belgischer Oscar-Anwärter ins Rennen geschickt. Aber Bouli Lanners ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus, im Gegenteil. Er hat nicht nur zwei neue Filme als Regisseur in Vorbereitung, sondern ist auch als Schauspieler vor allem in französisch-belgischen Filmen mit ähnlichem Ambiente sehr gefragt. Im September startet etwa die fabelhafte Anarcho-Satire „Louise Hires a Contract Killer“ in den deutschen Kinos. Bouli Lanners spielt darin einen Auftragskiller, den entlassene Fabrikarbeiterinnen auf ihren ehemaligen Arbeitgeber ansetzen. In Berlin kann man den Film schon jetzt sehen. Das Freiluftkino Fried­richs­hain eröffnet damit die Open-Air-Saison.

Text:Barbara Lorey

(tip-Bewertung: Sehenswert)

Eldorado Belgien/Frankreich 2008;
Regie: Bouli Lanners; Darsteller: Bouli Lanners (Yvan), Fabrice Adde (Elie); Farbe, 81 Minuten;
Kinostart: 14. Mai

Mehr über Cookies erfahren