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„Der Vater meiner Kinder“ im Kino

Über sechzig Filme hat Balsan unabhängig produziert und sich dabei stets als der erste Verbündete der Filmemacher verstanden. Er hat mit Claire Denis gearbeitet, hat das Regiedebüt von Sandrine Veysset ermöglicht, die Launen Lars von Triers willig ertragen und ist Außenseitern wie Francis Girod über alle kommerziellen Wechselfälle hinweg treu geblieben. Fast ein Drittel seiner Filme wurden von Regisseuren aus Nordafrika inszeniert, darunter Maroun Bagdadi, Yousry Nasrallah und Elia Suleiman. Wenn Youssef Chahine ein Projekt vorschlug, gab es dafür immer ein „Okay“ auf einem formlosen Fax. Balsan war ein redlicher Charmeur von französischer Eleganz, der bei Verhandlungen immer einen exquisiten Rotwein in Reichweite hatte. Die Kunst der Mischkalkulation beherrschte er nicht, jede seiner Produktionen war ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft. Am Ende war seine Firma, wie die in „Der Vater meiner Kinder“, schlicht zu klein, um derart viele riskante Projekte zu stemmen.
Hansen-Loves Erstlingsfilm „Tout est pardonnй“ erhielt wenige Tage nach Balsans Tod Fördergelder und wurde von einer anderen Firma realisiert. Auch er ist inspiriert von wahren Ereignissen, von Geschichten, die sich in ihrem Freundeskreis und ihrer Familie zugetragen hatten. Der erste Teil spielt in Wien, wo sie aufgewachsen ist. „Mein Vater konnte nie mit Bestimmtheit sagen, ob er in Deutsch oder Französisch träumte“, erinnert sie sich. „Von ihm habe ich die Liebe zur österreichischen Literatur, zu Canetti, Schnitzler und Doderer geerbt. Wien ist für mich immer eine Utopie des Kosmopolitischen geblieben.“
Als Halbwüchsige trat sie in „Ende August, Anfang September“ von Olivier Assayas auf, mit dem sie seit zehn Jahren zusammenlebt. „Ich fühle mich seinem Kino sehr nahe“, sagt sie. „Zwischen unseren Filmen zirkulieren die Ideen.“ Wie Assayas hat sie als Kritikerin bei den „Cahiers du cinйma“ begonnen: „Es war für mich unvorstellbar, zur Filmhochschule zu gehen. Ich habe die Schule gehasst, das Kino hingegen bedeutete immer eine Flucht, eine Befreiung für mich.“ Bei den „Cahiers“ entdeckte sie das Schreiben als beste Schule fürs Filmemachen, hat vor allem von der Präzision gelernt, mit der Truffaut und Rohmer ihre Kritiken und später ihre Dreh­bücher verfassten. „Der Vater meiner Kinder“ erinnert zugleich aber sehr an Filme von Claude Sautet (der ehemaligen „Cahiers“-Autorin wird dieser Vergleich nicht gefallen – alte Feindbilder verblassen schließlich nicht so leicht): Seit „Mado“ und „Eine einfache Geschichte“ wurde im französischen Kino nicht mehr auf so packende Weise geschildert, wie schwer es ist, eine marode Firma zu sanieren.

Text: Gerhard Midding

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Der Vater meiner Kinder“ im Kino in Berlin

Der Vater meiner Kinder (Le pиre de mes enfants), Frankreich/Deutschland 2009; Regie: Mia Hansen-Love; Darsteller: Louis-Do de Lencquesaing (Grйgoire), Chiara Caselli (Sylvia), Alice de Lencquesaing (Clйmence); Farbe, 112 Minuten

Kinostart: 20. Mai

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