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„Der Vater meiner Kinder“ im Kino

Auch ein wichtiger Mann muss einmal Siesta halten. Es ist ein seltenes, auch ein wenig mit schlechtem Gewissen belastetes Privileg, wenn Gregoire Canvel sich in sein Büro zurückzieht und seine Sekretärin bittet, keine Gespräche durchzustellen. Denn ansonsten ist er ein Akrobat der Verfügbarkeit. Beim Autofahren jongliert er mit zwei Handys und einer Zigarette, um die Wünsche seiner Regisseure zu befriedigen oder um seine Financiers zu beschwichtigen. Sein Leben mag er sich nicht anders vorstellen als eine Verausgabung; es liegt auch Egoismus darin, dauernd für andere da zu sein. Die verstohlene Mittagspause ist das erste Indiz für den Zuschauer, dass er nicht ewig auf Hochtouren laufen kann.
Vom eigenen Metier zu erzählen, das betrachteten Filmemacher früherer Generationen als ein Vorrecht, das sie sich erst einmal verdienen mussten. Truffaut wartete 13 Filme ab, bis er soweit war, Fellini immerhin achteinhalb; Godard hatte nicht ganz so viel Geduld. Mithin könnte man Mia Hansen-Love unbotmäßige Eile vorwerfen, wenn sie ihre erst zweite Regiearbeit in der Filmbranche ansiedelt. Sie handelt freilich nicht von Schaffens- oder Lebenskrise eines Künstlers, sondern vom unaufhaltsamen Ausbrennen eines Mannes, der die Kunst ermöglicht.
Gregoire (Louis-Do de Lencquesaing) ist ein idealistischer Hasardeur, der nach Kräften versucht, seine Rolle als hingebungsvoller Produzent und Familienvater in Einklang zu bringen. Als seine Firma in immer heillosere Turbulenzen gerät, leugnet er die Realitäten so lange, bis er keinen Ausweg mehr weiß.
Wie in ihrem ersten Film „Tout est pardonnй“, der Geschichte eines drogensüchtigen Vaters, der nach Jahren des Entzugs um die Annäherung an seine Tochter kämpft, findet mitten in „Der Vater meiner Kinder“ eine Zäsur statt, wechselt die Erzählperspektive. „Die beiden Filme verhalten sich zueinander wie Schuss und Gegenschuss“, sagt Hansen-Love. „Sie spielen in einem unterschiedlichen Ambiente, aber in beiden tritt eine Figur, die im Vordergrund stand, ab und eine andere tritt aus ihrem Schatten hervor. Meine Filme handeln von Übertragung.
Ganz konkret bezieht sich „Der Vater meiner Kinder“ auf das Schicksal des Produzenten Humbert Balsan, der im Februar 2005 Selbstmord beging.
Unter den acht Projekten, die er nach seinem Tod verwaist zurückließ, war auch Mia Hansen-Loves erster Langfilm. „Er war der Erste, der an mich glaubte“, erzählt sie. „Er besaß eine ungeduldige Offenheit, junge Talente zu entdecken und zu fördern.“ Ihr Alter ego in „Der Vater meiner Kinder“ ist ein junger Filmemacher, der nach der Insolvenz seine Träume vom Kino nicht aufgeben will.

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