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„Der Vorleser“ mit Kate Winslet im Kino

Der_VorleserWas soll man von einem Roman halten, dessen Autor die gründlich missglückte Adaption seines Buches über den grünen Klee lobt? Wenn er „glücklich“ ist, wie Bernhard Schlink nach der Premiere auf der Berlinale-Pressekonferenz, über die neu gefundenen Bilder, auch wenn die dem Geschriebenen deutlich wi­der­sprechen? „Der Vorleser“ exis­tiert drei Mal, mindestens. Einmal als Bestseller von 1995, der von der Liebe eines sehr jungen Mannes zu einer älteren Frau erzählt, die sich Jahre nach dem abrupten Ende der Beziehung als SS-Verbrecherin entpuppt. Das Liebesritual der beiden schließt fürsorgliche Waschungen mit ein, nach denen „das Jungchen“ der Geliebten den deutschen Bildungsbürgerkanon vorliest.
Ein zweites Mal gibt es das Buch im Kopf der Leser, die in der Geschichte ein Porträt jener Kriegs­kinder-Generation erkannten, die sich von den Eltern weniger rigoros ablösen konnten als die politisierten Acht­und­sech­zi­ger. Eine Allegorie der Bundesrepublik und ihres Umgangs mit der Nazi-Vergangenheit, die dem Band des Romanautors und Staatsrechtlers Schlink die eigentliche Tiefe gab.

Nun gibt es eine weitere Variante: „The Reader“ von Stephen Daldry deutet die Vorlage zum Melodram eines traumatisierten Mannes um, der einer SS-Mörderin ein wenig Vergebung spenden will: kein geringer Abstand zum thesenorientierten Original.
Verantwortlich ist ein Perspektivwechsel: Michael Berg, im Film von David Kross (mit jugendlicher Verve) und von Ralph Fiennes (mit dem müden Blick des geprügelten Kindes) gespielt, ist der ei­gent­liche Mittelpunkt des Romans, doch Daldry hat seine Ich-erzählerperspektive, die den Leser in ein kühles Halblamento hineinzieht, zugunsten eines objektiveren Blicks aufgehoben, mit bizarrem Effekt: An Stelle des Vorlesers rückt nun Hanna Schmitz, die Frau mit mehr als einem Geheimnis, ins Zentrum. Kate Winslet erfüllt sie mit schillernder Lebendigkeit. Es ist nicht ihre Schuld, dass die Oscar-nominierte Schauspielerleistung im neuen Arrangement mithilft, die ganze Erzählung zum Kippen zu bringen.
Aus dem Romanerzähler, den noch als Erwachsener der Gang durch eine Konzentrationslager-Gedenk­stätte unberührt lässt, macht Daldry eine positive Filmfigur, die dort betroffen den Kopf beugt. In der Zelle der verurteilten Protagonistin ersetzt der Film die Bände zur Aufarbeitung der SS-Verbrechensgeschichte, die Hanna dort angesammelt hat, durch die deutschen Klassiker. Ihren Vorleser hat er da längst schon ins eigentliche Opfer verwandelt, samt hinzugedichteten Familienszenen mit der Tochter, die sich seine Traumageschichte anhören muss. Die jüdische Holocaust-Survivorin überfällt „Der Vorleser“ dagegen mit einer luxuriösen Aus­­stattungswut, als würde ihn eigentlich ihr Überleben viel mehr irritieren. Keine Absolution für diesen Film.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Ärgerlich

Der Vorleser (The Reader), USA/Deutschland 2008; Regie: Stephen Daldry; Darsteller: Kate Winslet (Hanna Schmitz), David Kross (Michael), Ralph Fiennes (Michael Berg); Farbe, 124 Minuten

Kinostart: 26. Februar 2009

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