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„Der Vorname“ im Kino

Der Vorname

Es soll niemand behaupten, die Zensur sei während der deutschen Besatzung Frankreichs nicht wachsam gewesen. Die leisen subversiven Untertöne in zeitgenössischen Stücken von Camus oder Sartre entgingen zwar bisweilen der Aufmerksamkeit der Propagandastaffel. Aber bei der Neuinszenierung einer uralten Farce von Eugиne Labiche wurde sie hellhörig. Darin taucht ein Monsieur Adolphe auf, von dem es heißt, er sei gar widerlich. Die Zensur ließ sich durch die französisch-elegantere Schreibweise nicht täuschen: Bei der nächsten Vorstellung wurde die Figur in Alfred umbenannt.
Auch in der Farce „Der Vorname“ gibt es einen Adolphe, der nicht so heißen darf. Der Immobilienmakler Vincent wird demnächst Vater und sucht nach einem passenden Taufnamen. In der Bibliothek seines Schwagers Pierre gerät ihm Benjamin Constants kurzer, aber noch immer lesenswerter Roman „Adolphe“ in die Hände. Als er Familie und Freunde mit seiner Namenswahl konfrontiert, bricht ein Sturm der Entrüstung über ihn herein. Sein argloser Scherz lässt die Fassaden der Höflichkeit einstürzen, alte Ressentiments und Kränkungen treten mit einem Mal wieder hervor. Man ist nicht nur politisch korrekt in diesem Haushalt, sondern auch nachtragend: Überhaupt, wie kann Vincent es wagen, rund sieben Jahrzehnte nach Kriegsende ein deutsches Automobil zu fahren?
Die Charaktere in Mathieu Delaportes und Alexandre de la Patelliиres Erfolgsstück sind ebenso schlagfertig wie ihre Vorgänger bei Labiche und tragen unterschwellige Konflikte aus wie bei Camus und Sartre. Aber eigentlich bewegen sie sich auf jenem verminten Terrain, das einst Yasmina Reza dem Boulevardtheater eröffnete: der Komödie der unvereinbaren Kulturgegensätze. Pierre und Йlisabeth, die Gastgeber des Abendessens, das sich zusehends in eine Zimmerschlacht verwandelt, gehören dem Bildungsbürgertum an; Vincent und seine Frau Anna sind erfolgreiche Geschäftsleute; der allem Anschein nach schwule Posaunist Claude fungiert als fünftes Rad am Wagen. Alte Rechnungen kommen auf den Tisch, die allseitigen Empfindlichkeiten lassen sie wechselnde Bündnisse eingehen. Die Intellektuellen sind nicht nur aufgeschlossen und tolerant und die Geldleute zu einiger Sensibilität fähig.
Die Autoren unternehmen keine nennenswerten Anstrengungen, ihr Stück im Kino heimisch zu machen. Die Scharmützel atmen weiterhin Theaterluft. Die labyrinthhaft geräumige Wohnung von Pierre­ und Йlisabeth spielt leidlich überzeugend die sechste Hauptrolle – wie die Gastgeber sich mit ihrem Gehalt als Universitätsdozent und Lehrerin ein solches Appartement in Paris leisten können, bleibt ein Geheimnis, das die Autoren nicht lüften. Das Darstellerensemble ist ausnahmslos gut aufgelegt, munter spielt es über Verwicklungen hinweg, die schon auf der Bühne reichlich konstruiert wirkten. Ihre Streitlust entzündet sich an Nichtigkeiten, die Abgründe besitzen eine wohlige Fallhöhe. Die Katharsis im Morgengrauen ist abzusehen.

Text: Gerhard Midding

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Der Vorname“ im Kino in Berlin

Der Vorname (Le prenom), Frankreich/Belgien 2012; Regie: Alexandre de la Patelliиre, Matthieu Delaporte; Darsteller: Patrick Bruel (Vincent), Valйrie Benguigui (Йlisabeth), Charles Berling (Pierre); 110 Minuten; FSK 12

Kinostart: 2. August

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