Kino & Stream

„Der Wert des Menschen“ im Kino

Der Einstieg in den Film geschieht unver­mittelt, ganz so, als ob man plötzlich Einblick in das Leben eines Fremden bekom­men würde, weil zufällig eine Kamera mitläuft: Thierry (Vincent Lindon, Foto),  ­Anfang 50 und seit 15 Monaten arbeitslos, sitzt bei seinem Berater auf dem Arbeitsamt und beschwert sich über die Umschulung zum Kranführer, die man ihm aufgedrückt hat. Sinnlos sei das gewesen, sagt der ehemalige Maschinenprogrammierer, denn jemand, der zuvor noch nie auf einer Baustelle gearbeitet hätte, würde auch keinen Job als Kranführer bekommen. Der Mann vom Amt bleibt höflich, ist aber hilflos: Dann müsse man eben wieder von vorn anfangen.
Stephane Brizйs „Der Wert des Menschen“ zeigt einen Mann, der in die Maschinerie der ökonomisierten Gesellschaft geraten ist, in der – wie der Originaltitel „La loi du marchй“ noch präziser beschreibt – eben das Gesetz des Marktes gilt und der einzelne Mensch mit seinem privaten Schicksal nichts. Die Inszenierung erinnert dabei zum Teil an Direct-Cinema-Dokus mit ihrer beobachtenden Kamera, mehr aber noch an die Filme von Robert Bresson: ein sprödes, aber umso wuchtigeres Drama, das sich nicht über ­Dramatik und Emotionalität vermittelt, sondern über die gnadenlose Konsequenz, mit der ein Übel ein anderes nach sich zieht.
Denn während Thierrys Ex-Kollegen noch damit hadern, dass man ihre Jobs gestrichen hat, obwohl es der Firma doch offensichtlich gut ging, blickt Thierry lieber nach vorn. Doch was erwartet ihn dort? Eine Jobbewerbung per Skype („Rufen Sie uns auf keinen Fall an, wir schicken Ihnen eine Mail!“). Eine Bank­beraterin, die ihm angesichts seiner finanziellen Lage zum Verkauf der Eigentumswohnung rät. Ein Bewerbungstraining, bei dem er dafür kritisiert wird, nicht genügend dynamisch zu wirken.
Und als er schließlich einen Job als ­Detektiv in einem Supermarkt erhält, wird ihm bei der Einweisung unverblümt erklärt, dass er auch die Kassiererinnen zu über­wachen habe, weil der Chef jede ­kleine Verfehlung nutzen möchte, um zwecks ­Gewinnmaximierung das Personal zu entlassen. Damit ist nun auch Thierry Teil ­eines unmenschlichen Systems – und wird sich angesichts folgender Ereignisse überlegen müssen, wie er sich dazu verhält.
Brizй hat seinen Film – eine weitere ­Parallele zu Bresson – mit Laiendarstellern besetzt, mit Ausnahme von Vincent Lindon in der Rolle des Thierry, für die er beim Festival von Cannes den Preis als Bester Darsteller gewann. Hinter den unbewegten Gesichts­zügen dieses Mannes, der ständig schluckt und einsteckt, sieht man es förmlich arbeiten, sein angespannter Körper vermittelt den Druck, unter dem er steht. Und so gibt es im Film auch nur eine einzige Szene mit lächelnden Menschen: Wenn Vincent, seine Frau und ihr behinderter Sohn zuhause zu einer Rock ’n’ Roll-Platte tanzen, sagt ihnen für einen kleinen gelösten Moment niemand, was sie zu tun haben.

Text: Lars Penning

Foto: temperclay film

Orte und Zeiten:
Der Wert des Menschen

La loi du marchй (OT)
F 2015, 93 Min., R: Stephane Brizй, D: Vincent Lindon, Karine de Mirbeck, Matthieu Schaller??

Kinostart: Do, 17. März 2016

Mehr über Cookies erfahren