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„Der Wind zieht seinen Weg“ im Kino

Der Wind zieht seinen WegChersogno, ein Dorf in den italienischen Alpen: Einige ältere Leute sprechen hier noch Okzitanisch, die jüngere Generation hingegen ist längst abgewandert in die großen norditalienischen Städte. Kaum jemand lebt hier noch das ganze Jahr über, einige nutzen ihre seit Generationen im Besitz der Familie befindlichen Häuser im Sommer als Feriendomizile oder vermieten an Touris­ten. Die Nutzflächen verwahrlosen, denn Landwirtschaft lohnt sich eigentlich nicht mehr. Eine Lebensart stirbt langsam aus. Dann kommt Phi­lippe Hйraud nach Chersogno, ein französischer Hirte, der mit seiner Familie und seinen Ziegen dort leben möchte. Ein Störenfried? Oder vielleicht eine Chance, die traditionelle Kultur neu zu beleben? Die Dorfbewohner sind misstrauisch, heißen den Neuankömmling aber schließ­lich willkommen. Doch das „Experiment“ klappt nicht: Vorurteile, Intoleranz, Tratsch und Starrsinn machen ein Zusammenleben unmöglich.
Was in der Zusammenfassung klingt wie das Resümee einer Dokumentation, ist tatsächlich eine kleine fiktive Geschichte, die Regisseur und Koautor Giorgio Diritti hier mit wenig Geld und vielen Laiendarstellern aus der Region vor dem sehr realen Hintergrund der Entvölkerung ganzer Land­striche erzählt. Und was ihm dabei gelingt, ist ein Film, dessen Bedeutung über das, was man womöglich als ein rein regionales Problem verstehen könnte, unbedingt hinausreicht: Themen wie Toleranz und Bürgersinn sowie die Frage nach möglichen Alternativen zu einer ausschließlich von ökonomischen Interessen geleiteten Gesellschaft gehen schließ­lich jeden etwas an.
Dabei kommt „Der Wind zieht seinen Weg“ gänzlich undidaktisch daher, denn Diritti macht es dem Publikum nicht eben leicht: Wirklich sympathisch ist in diesem Drama vor majestätischer Naturkulisse nämlich niemand so richtig, weder die oft boshaften und intoleranten Dörfler noch der starrsinnige Philippe (Thierry Toscan), der in jedes sich bietende Fettnäpfchen tritt, die Wünsche und Belange der eingesessenen Bewohner durchaus ignoriert und seine Lebensart als allein selig machend begreift. Dass man sich als Zuschauer nicht identifizieren kann, macht den Film sperrig, aber auch interessant: Über das sehr komplex dargestellte Thema muss man – ohne dass man in demagogischer Absicht durch ein simples Gut-Böse-Schema geleitet wird – schon selbst nachdenken.

Text: Lars Penning
 
tip-Bewertung: Sehenswert

Zeiten und Orte: „Der Wind zieht seinen Weg“ im Kino in Berlin

Der Wind zieht seinen Weg (Il vento fa il suo giro), Italien 2006; Regie: Giorgio Diritti; Darsteller: Thierry Toscan (Philippe Hйraud), Alessandra Agosti (Chris Hйraud), Dario Anghilante (Costanzo); Farbe, 110 Minuten

Kinostart: 14. Mai

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