Thriller

„Detroit“ von Kathryn Bigelow im Kino

Die gefährlichen Dynamiken von Gruppenzwang – Kathryn Bigelow blickt mit „Detroit“ ins Jahr 1967 und ist doch ganz im Heute verortet

Concorde

Das abgelaufene Kinojahr hat uns bereits diverse US-Filme mit „schwarzen“ Themen beschert. Viele von ihnen blickten dabei in die Vergangenheit, führten mit unterschiedlichem Anspruch und in sehr verschiedenen Stilen zurück in die bewegenden Tage der Bürgerrechtsbewegung der 1950er- und 60er-Jahre. Einen konkreten Auslöser für diese „Welle“ zu benennen, fällt schwer. Sicher, es gab den Skandal um den Boykott schwarzer Künstler bei der Oscar-Verleihung vor zwei Jahren, als kein schwarzer Schauspieler oder Regisseur nominiert war. Es gibt Trump, der die Zeit am liebsten um 60 Jahre zurückdrehen würde. Und es gibt immer wiederkehrende Proteste und Ausschreitungen als Folge unangemessener Polizeigewalt gegen schwarze Bürger. Doch das alles sind keine Auslöser, es sind beständige Symp­tome für das unversöhnliche Klima in einer zutiefst zerrissenen Gesellschaft.

Mit ihrem Drama „Detroit“ blickt jetzt auch die US-Regisseurin Kathryn Bigelow zurück auf die unruhigen 1960er und nimmt sich einer wahren Begebenheit an, die sich 1967 im Rahmen von Rassenunruhen in der Motor-City ereignete: Die Erstürmung des überwiegend von Schwarzen frequentierten Algiers-Motels durch die Polizei endete mit dem Tod von drei unbewaffneten schwarzen Männern und der stundenlangen Misshandlung von sieben weiteren schwarzen Männern und zwei weißen Frauen.

Bereits im Prolog mit dem Gemäldezyklus „The Migration Series“ des schwarzen Malers Jacob Lawrence setzt Bigelow das grausame Ereignis in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang, verdeutlicht die angesichts der ­Ungerechtigkeiten aufgestaute Wut, die sich in den Rassenunruhen entlud. Denn damit beginnt auch die Geschichte im Algiers-Motel: Eine Polizeirazzia in einem nicht lizensierten Nachtclub in einem von Schwarzen bewohnten Stadtviertel führt zu Protesten der Bewohner, die in massive Gewalt und Plünderungen ausarten. Die Nationalgarde wird herbeigerufen, bald herrscht geradezu Kriegszustand, Menschenleben sind nichts mehr wert.

Vor diesem Hintergrund führt Drehbuchautor Mark Boal, der bereits Bigelows vorangegangene Filme „Zero Dark Thirty“ (über die Suche nach Osama Bin Laden) und „The Hurt Locker“ (über den Irakkrieg) geschrieben hat, drei Hauptfiguren ein, deren Lebenswege sich kreuzen werden: Der rassistische weiße Polizist Philip Krauss (Will Poulter) erschießt einen unbewaffneten Lebensmittel-Plünderer. Von seinen Vorgesetzten bekommt er dafür eine Anklage wegen Mordes – und wird wieder auf die Straße zurückgeschickt. Krauss hat seine Lektion gelernt: Wenn er in Zukunft unbewaffnete Menschen erschießt, bringt er die gefälschten Beweismittel am besten gleich selber mit. Der schwarze Wachmann Melvin Dismukes (John Boyega) ist das Gegenteil von Krauss: ein braver Mann mit geradezu naivem Glauben an Recht, Gesetz und Deeskalation. Den Soulsänger Larry Reed (Algee Smith) ­interessiert hingegen nur seine Musik.

Im Hotel kommt alsbald jemand auf die nicht besonders kluge Idee, der in der Nachbarschaft anrückenden Polizei seine Verachtung mit einigen Schüssen aus einer Signalpistole zu zeigen. Die Ereignisse der vom Rassisten Krauss angeführten Razzia stehen im Mittelpunkt von „Detroit“: Hier gehen Bigelow und Kameramann Barry Ackroyd per Handkamera ganz nah ran an die extrem ungemütlichen Misshandlungen und Scheinhinrichtungen, mit denen die Polizisten die Identität des vermeintlichen Scharfschützen aus den Gästen des Algiers herauspressen wollen.
Doch Bigelow, die sich vornehmlich als ­Thriller- und Actionregisseurin einen Namen gemacht hat, ist eine viel zu intelligente und künstlerisch beschlagene Regisseurin, um es beim Ekel über rassistische Brutalitäten zu belassen. Und so zeigt die eskalierende Situa­tion im Algiers-Motel ebenso die geradezu handgreifliche Angst von Menschen in ­Extremsituationen, die gefährlichen Dynamiken von Gruppenzwang und das bewusste Wegschauen von Menschen, die es hätten besser wissen müssen.

Am Ende der Geschichte steht eine fiese ­Ironie stellvertretend für das gesellschaftliche ­Klima, an dem sich bis heute nicht so viel gewandelt zu haben scheint: Die weißen ­Mörder werden in einem Prozess freigesprochen. Vorher hatte die Polizei noch Dismukes, den naiven schwarzen Wachmann, der Morde verdächtigt. Einen Mann, der Gutes tun ­wollte und das Falsche tat. Weil es nichts Gutes im Falschen gibt.

Detroit USA 2017, 143 Min., R: Kathryn Bigelow, D: Will Poulter, Algee Smith, John Boyega, Jacob Latimore, Start: 23.11.

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