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Deutsche Filme in Cannes?

Fatih AkinDie Liste ist diesmal besonders lang und verheißungsvoll. Da Cannes jedoch auf eine vergleichsweise kleine Filmauswahl setzt – mit rund 20 Filmen im Wettbewerb und insgesamt ca. 90 Langfilmen im offiziellen Programm – ist auch klar, dass nur ein Teil der heiß gehandelten Namen auch einen Festivalslot ergattert. Gerechnet werden darf mit einer starken europäischen Präsenz, aber auch aus Asien und den Amerikas sind gute Leute im Rennen.
In diesem Jahr böten sich gleich zwei wichtige deutsche Filmemacher mit ihren Werken für den Wettbewerb an: Fatih Akin (Foto) mit „The Cut“ und Christian Petzold mit „Phoenix“. Dass gleich zwei Deutsche in den Palmenwettstreit eingeladen werden, ist eher unwahrscheinlich angesichts der starken internationalen Konkurrenz. Allein die Tatsache, dass gleich zwei Namen gehandelt werden, ist jedoch ein gutes Zeichen. Vor zehn Jahren herrschte hierzulande ja noch eine regelrechte Hysterie, da nach elf (!) Jahren Absenz wieder ein deutscher Film in den Wettbewerb eingeladen wurde – und der war noch dazu von einem Österreicher: Hans Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“.
Akin gehört zu Frйmaux‘ „Ziehkindern“ und dürfte somit in Sachen Wettbewerb in der Pole Position sein. Der Hamburger gewann 2007 mit „Auf der anderen Seite“ den Drehbuchpreis, zeigte seine Dokus „Crossing the Bridge“ und „Müll im Garten Eden“ außer Konkurrenz und saß 2005 in der Jury. Sein neuer Film „The Cut“ ist der Abschluss seiner „Liebe, Tod und Teufel“-Trilogie und beschäftigt sich mit dem Bösen im Menschen. Es ist die Zeit des Ersten Weltkriegs, die von Völkermord und Vertreibung geprägt ist. Tahar Rahim („Ein Prophet“) tritt wie ein schweigsamer Westernheld auf – er verlor seine Stimme, als ihm die Kehle durchgeschnitten wurde. Nun ist er auf der Suche nach seinen Kindern.
Ein historisches Thema geht auch Petzold in „Phoenix“ an: Eine totgeglaubte Auschwitz-Überlebende (Nina Hoss in ihrem sechsten Petzold-Film) kehrt 1945 nach Berlin zurück. Aufgrund schwerer Gesichtsverletzungen muss sie sich operieren lassen und wird fortan selbst von ihrem Mann nicht mehr erkannt. Ein geheimnisvolles Spiel beginnt. Für Petzold wäre nach drei Berlinale- und einer Venedig-Teilnahme die Zeit für Cannes reif. Rückenwind bekommt der von der internationalen Kritik längst gefeierte Regisseur durch das gute Kinoergebnis von „Barbara“ in Frankreich. Die Frage ist, ob die Macher (und der Weltvertrieb) von „Phoenix“ sich gegebenfalls auch mit einem Slot in Un Certain Regard zufrieden geben – oder lieber auf Venedig und Toronto warten. In Un Certain Regard zu laufen ist an sich nichts Ehrenrühriges. Zahlreiche namhafte Filmemacher waren schon in der Sektion vertreten, die ein eigenwilligeres, weniger gefälliges Kino feiert als der Wettbewerb. Auch Andreas Dresen feierte hier seinen Cannes-Einstand.
Dessen neuer Film „Als wir träumten“ ist dagegen noch nicht fertig. Gleiches gilt für Wim Wenders‘ internationales Projekt „Every Thing Will Be Fine“. Doch Wenders könnte mit „Salt of the Earth“ dabei sein, einer Doku über den Fotografen Sebastiao Salgado. Womöglich wird auch Christoph Hochhäusler noch rechtzeitig fertig mit seinem französisch koproduzierten (!) „Lichtjahre (AT)“, einem Thriller um einen Berliner Enthüllungsjournalisten (Florian David Fitz), der an eine mächtige Lobby gerät. Es wäre Hochhäuslers dritter Auftritt in Cannes. Am 17. April wissen wir mehr. zim

Quelle: Blickpunkt: Film

Foto: Nicolas Genin (Paris) / Creative Commons

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